Trust in Adherence to a Predefined Role – EIC 2013

Am 16. Mai 2013 war ich auf Einladung von Jörg Resch nach meinem Vortrag 2010 wieder einmal Gast der European Identity Conference, um über das venezianische Anonymitätsmodell zu sprechen.

Es ging dieses Mal vor allem darum, herauszufinden, warum das venezianische Anonymitätsmodell funktionierte und keine übermäßig erhöhte Kriminalitätsrate hervorbrachte. Die Grundthese war – wie schon in früheren Beiträgen dieses Blogs – dass das auch von Ignatio Toscani bereits behandelte Rollenspiel-Element hier als stabilisierender Faktor wirkte:

  • Bauta und Tabarro wurzeln historisch im Karneval und den Rollenspielen der Commedia dell’Arte. Die Venezianer kannten beides und waren daran gewöhnt.
  • Die Maske als Anonymisierungsmittel einzusetzen, bedeutete eine bedachte Handlung: Man musste sich gekonnt „verkleiden“, was ein wenig Aufwand und Zeit kostete. Die Maske dann zu tragen, bedeutete zugleich Versteck zu spielen und auf sich aufmerksam zu machen.
  • Die Rolle des „idealen venezianischen Bürgers“ zu übernehmen bedeutete auch, das Betragen eines Gentlemans anzunehmen.
  • Venezianer, die mit einem Bauta-Träger kommunizierten, konnten darauf vertrauen, dass er seine spezielle politische und gesellschaftliche Rolle akzeptierte und sich in seinem Verhalten an die daran geknüpften Spielregeln hielt.
  • Bei Missbrauch waren Sanktionen möglich.
  • Die Bauta anzulegen, bedeutete also, bewusst soziale Kontrolle und sozale Erwartungen zu akzeptieren.  Es bedeutete auch, eine mögliche Demaskierung, einen damit verbundenen Ehrverlust und den unmittelbaren  Ausschluss aus der venezianischen Gemeinschfat als Sanktion bei Missbrauch der Privilegien zu akzeptieren, die die Bauta bot.
  • Somit war mit der Maske ein direkter und unvermeidlicher Einfluss auf das Verhalten der Träger verbunden.

Die gesamte Präsentation steht hier zum Download zur Verfügung.

In der Diskussion, die sich an den Vortrag anschloss, interessierten sich die Zuhörer für das dem Anonymitätsmodell zugrundeliegende Reputations- und Sanktionssystem. Ein gewöhnliches „Belohnungsystem“ liegt insofern nicht vor, als das erwartete Verhalten eines Maskierten aus Sicht der Venezianer einfach „normal“ war. Sozialer Druck allerdings existierte als Korrektiv sehr wohl, und die Teilnehmer fanden es interessant, dass die Strafe für Fehlverhalten den Delinquenten unmittelbar in seine reale, nicht anonymisierte Existenz zurückwarf und dort Folgen hatte.

Andererseits schloss eine Demaskierung nicht aus, dass der Düpierte neu maskiert wieder am anonymen Leben teilnahm, sofern es ihn nicht ins Gefängnis verschlug. Aufs anonyme Leben beuogen, existierte also eine rein verhaltensbasierte Sicherheit. Dies, da stimmten die Zuhörer zu, könne man auf anonyme Plattformen im Internet übertragen: Wer sich schlecht benimmt, wird einfach ah hoc ausgeschlossen. Ist der Neu-Anmeldeprozess nur mühsam genug, könnte die pure Lästigkeit der Sanktion möglicherweise wirksam für Wohlverhalten sorgen.

Ältere und neuere Beiträge erreichen Sie über die Navigationsschaltflächen am Ende dieser Seite.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s