Anonymität und Denunziation

Venedig war nicht nur eine Stadt der Anonymität, sondern auch ein Ort der Denunziation. Am Dogenpalast und anderen Plätzen der Stadt waren spezielle Briefkästen installiert, die “Löwenmäuler” (Bocca di Leone).

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Sie waren dazu vorgesehen, unterschiedlichste Beschwerden an die Staatsmacht zu richten. Sie dienten dabei auch dazu, dass  Venezianer andere Venezianer möglichst leicht gegenüber der Obrigkeit anschwärzen konnten. Jeder Denunziant konnte darauf zählen, dass seine Identität geheimgehalten wurde, anonyme Anzeigen allerdings fanden nur in schwerwiegenden Ausnahmefällen Beachtung. Verfolgt wurden die Anschuldigungen von der Staatsinquisition und dem “Rat der Zehn”, der zeitweise oberste Polizeibehörde und oberstes Gericht zugleich war.

Waren Bauta und Tabarro vielleicht auch ein Instrument, um ein Gegengewicht gegen das Denunziantentum und besonders neugierige, schwer zu kontrollierende Institutionen der Staatsmacht zu schaffen?

Dafür müsste man zunächst einmal Belege suchen. Wäre es der Fall, dass die Venezianer diese Verbindung sahen, steckte darin eine interessante Parallele zur heutigen Internetwelt. Die Forderung nämlich, sich im Internet anonym bewegen zu können und zu dürfen, beruht ja nicht zuletzt auf dem Gefühl der Netznutzer, von allzu vielen staatlichen und kommerziellen Lauschern auf Schritt und Tritt überwacht zu werden. Technisch gewährleistete Anonymität soll aus ihrer Sicht ein Mittel gegen das Ungleichgewicht der Kräfte zwischen den mächtigen spionierenden und Profile bildenden Organisationen und den unbescholtenen Bürgern im Netz bilden.

Wie bekommt man nun heraus, ob die Venezianer tatsächlich so dachten? Gibt es mehr Belege, dass zu viel Überwachung die Forderung nach Anonymität als Regulativ nach sich zieht – wie jetzt wieder nach der Aufdeckung des Datenhungers der westlichen Geheimdienste? Interessantes Forschungsthema, eventuell gibt es ja schon Arbeiten dazu.

Edward Snowdon jedenfalls ist aus dieser Perspektive eine Art „umgekehrter Denunziant“ oder Whistleblower – er hat Missstände nicht einer etablierten Institution, sondern dem eigentlichen Souverän der westlichen Welt, also den Wählern in demokratischen Staaten gemeldet. Interessante Konstellation!

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