Anonymität – zwei journalistische Perspektiven

Zwei Bücher aus den Federn renommierter Journalistinnen liegen vor mir auf dem Schreibtisch, die das Thema „Anonymität im Web“ nicht unterschiedlicher angehen könnten. Gerade im Vergleich werfen sie ein interessantes Licht auf die Diskussion des Themas in den Medien und in der Gesellschaft.

Das erste der beiden Werke ist Christiane Schulzki-Haddoutis Beitragssammlung „Vom Ende der Anonymität – Die Globalisierung der Überwachung“. Es erschien im Heise-Verlag unter dem „Telepolis„-Label wohl zuerst im Jahr 2000, ich besitze die zweite Auflage von 2001.

sha.jpg

Christiane Schulzki-Haddouti und ihre Co-Autoren gehen das Thema primär politisch motiviert an und fragen lange vor der Snowden-Ära angesichts zunehmender Überwachung durch Geheimdienste, Strafverfolger und andere machtvolle Institutionen nach den Auswirkungen von Video- und Internetüberwachung auf den Bürger und damit auf Freiheit und Demokratie.

Dass Menschen zuweilen Dinge zu verbergen haben – etwa Informationen über eigene Erkrankungen oder übe persönliche politische Einstellungen in totalitär regierten Umgebungen – gilt den Autoren als gegeben, und die Möglichkeit der anonymen Kommunikation und Informationsbeschaffung sehen sie deshalb als massiv bedrohte, aber notwendige Instrumente der Informationellen Selbstbestimmung und des Datenschutzes an. Der Grundton des Buches ist eher pessimistisch. Florian Rötzer etwa spricht von einem „Grundrecht auf Anonymität“ und und legt dann dar, wie sehr es unter Beschuss stehe.

Snowdens Enthüllungen darf man durchaus als Bestätigung der im Buch vorgetragenen Positionen sehen.

Das zweite Buch ist Ingrid Brodnigs „Der unsichtbare Mensch – Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert“. Dieses Buch ist im Czernin Verlag, Wien, 1913 erschienen, also mehr oder weniger zeitgleich zu den Snowden-Veröffentlichungen.

Brodnig.jpg

Ingrid Brodnig startet ganz anders: beim Phänomen des Cyber-Mobbings und der rüden Umgangsformen in anonymen Webforen. Sie zeigt, wie die Möglichkeit zur anonymen Meinungsäußerung im Internet auch dazu führen kann, dass sich unreflektierte, extremistische Äußerungen leichter verbreiten als ohne diesen Kanal oder dass Individuen ungestraft massiv angegriffen und herabgesetzt werden können. Für die Autorin ist die Anonymität im Internet ein neues Phänomen, das möglicherweise die Gesellschaft negativ beeinflusst. Am Ende diskutiert sie aber auch die Vorteile der Chance zur anonymen Meinungsäußerung im Web und zeigt Möglichkeiten auf, die Anonymität als Option beizubehalten und negative Auswirkungen dennoch zu begrenzen.

Hier geht es mir zunächst um die Ausgangspunkte der beiden Autorinnen und die daran knüpfenden Argumentationsstrukturen.

Christiane Schulzki-Haddoutis Buch ist fundiert und wichtig, die Autorin hat nicht umsonst Preise für die dem Buch zugrundeliegende Berichterstattung gewonnen. Aber das Werk nimmt die Perspektive einer extrem medienkompetenten, publizistisch geübten, interneterfahrenen und politisch aktiven Elite ein, deren Akteure sich außerdem sicher sein können, zumindest einen gewissen Einfluss auf die politische Kultur ausüben zu können. Hierin sind die Autoren kurioserweise den Apologeten der Transparenzgesellschaft wie David Brin und Christian Heller ähnlich, die in Sachen Informationelle Selbstbestimmung zwar zu diamatetral entgegengesetzten Forderungen kommen, aber ebenfalls nur für eine Welt publizistisch und medial erfahrener und aktiver Menschen schreiben.

Nehmen wir einmal an, ich würde einen kleinen Rezeptionstest machen und „Vom Ende der Anonymität“ einer Reihe älterer Verwandter und Bekannter vorlegen, mit denen ich häufiger zusammentreffe. „Älter“heißt beispielsweise: 72, 77 und 84. Hier im platten Münsterland gern auch 10 Jahre jünger, man hinkt hiesigen Ortes der modernen Welt doch etwas  langwieriger hinterher als anderwso.

Die Reaktion wäre wahrscheinlich: keine. Anonymität im Internet und die politischen Implikationen, ja die ganze hier vorgetragenen Abstraktionsebene der Internetnutzung  wären den meisten Probanten aus meinem Testpersonenkreis so fremd, so obskur und so weit hergeholt mit ihren Brückenschlägen zwischen individuellen Interessen und dem Agieren von Geheimdiensten und internationalen Strafverfolgern , dass sie das Buch als Produkt einer freakigen Parallelwelt ansehen würden: „Das geht uns doch nichts an. Weiß ich nicht, was die da wollen. Diese Anonymität, das ist doch was für diese Hacker und Pädophile“.

Dagegen anzuargumentieren wäre dann genau so zum Scheitern verurteilt wie der jüngst miterlebte Versuch einer juristisch und politologisch vorgebildeten Person, auch nach den frauenfeindlichen Ausschreitungen in Köln zur Silvesternacht vor der gleichen Clientel noch gegen stammtischmäßige Forderungen nach Schnellabschiebung für straffällig gewordene Flüchtlinge zu plädieren, weil man in Deutschland doch endlich einen erprobten und gut funktionierenden Rechtsstaat habe, der sich für Urteile glücklicherweise Zeit nehme und nicht in unselige Praktiken vergangener deutscher Dunkelzeiten unterschiedlicher Ausprägung verfalle. „Ach, jetzt komm‘ mir nicht wieder mit Nazis und Stasis, da muss man doch was tun, ihr labert immer nur, was Du da sagt ist doch nichts für uns normale Leute! Die müssen raus, sofort!“

Eine der ersten unangenehmen Wahrheiten, die ich als Politikstudent einst lernen musste, ist, dass man so etwas als wahrhaftig politisch engagierter Mensch nicht abtun oder zum Anlass nervöser Zuckungen oder baldiger Auswanderung nehmen darf. Wohin auch? Wo gibt es das nicht? Äußerungen der wiedergegebenen Art scheinen auf irrationalen Ängsten und Gedanken zu beruhen und dumm zu sein, sind vor dem begrenzten Horizont, auf dem sie entstehen, aber eben doch rational. Wer hat „Schuld“ oder muss sich „dumm“ nennen lassen, wenn er etwas nicht kennt, weiß oder versteht und deshalb Angst davor verspürt und dagegen vorgehen will? Den Menschen, die so reden, nicht mit nachvollziehbaren Antworten zu entgegenzukommen, ist fahrlässig und: elitär und arrogant. Das heißt aber nicht im Gegenschluss, dass man sich Personen, die auf dem entsprechenden Niveau argumnetieren, nun anbiedern und die eigene Meinung verbiegen solle. Aber etwas mehr Mühe beim Erklären komplexer Sachverhältnisse könnten sich speziell manche Akteure der IT- und Internet-Szene schon geben.

So, wie komme ich von dieser hochtrabenden Schreibe nun wieder zu Ingrid Brodnig?

Ganz einfach, ihr Buch würde meinen halbgaren Rezeptionstest vermutlich verstehen. Von „Cybermobbing“ hätten viele, die noch unmittelbar oder mittelbar Kontakt zur Welt moderner Teenager haben, vielleicht schon etwas gehört. Anderen hätte das Fernsehen die Thematik nahegebracht, und zwar nicht automatisch auf schlechte Weise. Wieder andere hätten schon hier und da davon gelesen, wie schwierig es ist, etwa als Unternehmen oder Arzt gegen eine (wirklich?) unberechtigte schlechte Beurteilung durch anonyme „Kunden“ im Web vorzugehen. Und ein gar nicht so kleiner Teil ist wahrscheinlich schon selbst im Web auf die eine oder andere unzivilisierte Hasstirade gestoßen und hat sich davor erschrocken. All das ist aus der Sicht des „normalen“ Bürgers wohl deutlich konkreter als die diffuse Schnüffelei der berühmten Drei-Buchstaben-Organisationen, die doch nur „Verbrecher“ und „diese Journalisten und so“ betreffen kann…

„Der unsichtbare Mensch“ geht von einem Phänomen und von Geschichten aus, die viele Menschen berühren, und wägt Einschätzungen ab, über die auch jenseits der Internet-Eliten leichter Einverständnis und eine breitere Argumentationsbasis zu erzielen sind als über den abstrakten Ansatz des Schulzki-Haddouti-Buches.

Deshalb ist Brodnigs Buch aber nicht seichter oder unreflektierter. Die Autorin spricht auch die Vorteile anonymer Kommunikation – wie erwähnt – sehr wohl an und zeigt – wie ebenfalls erwähnt- sogar konkrete Ansätze auf, wie man diese Vorteile auch dann erhalten kann, wenn man gegen ausufernde Pöbeleien und Hetze unter dem Mantel der Anonymität aktiv vorgeht. Etwa, indem man ein anonymes Forum so betreibt, wie es die Wochenzeitung „Die Zeit“ offenbar tut.

Deshalb ist Ingrid Brodnigs Buch für mich hier erst einmal interessanter.

Darüber hinaus sei schon einmal verraten, dass es eine ganze Reihe Anknüpfungspunkte zur venezianischen Anonymitätskultur bietet, auch wenn die Autorin letztere in ihren Ausführungen nicht erwähnt. Um diese Anknüpfungspunkte wird es nun in den folgenden Beiträgen gehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s