Anonymität, Journalismus, Eliten

Im Beitrag vom 10. Januar ging es um zwei von Journalistinnen geschriebene beziehungsweise herausgegebene Bücher zum Thema Anonymität. Beide Werke sind hervorragend, aber die Bemerkungen zum Buch von Christiane Schulzki-Haddouti sind mir dann doch eher kritisch geraten.

Der Grund: „Vom Ende der Anonymität“ wendet sich primär an ein internet-affines und medienkompetentes Publikum, das im Gegensatz zu großen Teilen der Bevölkerung ein recht differenziertes Bild von Werkzeugen hat, die im Web anonyme Kommunikation erlauben und damit als Mittel der informationellen Selbstbestimmung dienen können.

Wenn Sie das jetzt so lesen und in den Beitrag nicht hineingeschaut haben, fragen Sie sich wahrscheinlich, was man daran denn kritisieren kann.

Frage ich mich inzwischen auch.

Der Grund für mein konkretes Missfallen war die generelle Einschätzung, dass sich die Internet-, Technik- und manchmal auch Medienpolitik-Profis zu wenig Mühe machen, ihre Positionen auch solchen potenziellen Rezipienten zu erklären, die nicht in ihrer Welt oder kulturellen Nische leben.  Deshalb schrieb ich, eine Behandlung des Themas wie Schulzki-Haddoutis Buch sei auch „elitär“. Außerdem zog ich ein Beispiel aus der aktuellen Flüchtlingsdebatte heran, um zu zeigen, wie schnell eine Elite an Personenkreisen vorbeidiskutieren kann, die es nicht mehr so einfach schaffen, die Komplexität eines wie auch immer gearteten Phänomens noch vollständig zu fassen. Dazu muss man ja nicht dumm sein – es gibt tatsächlich Sachverhalte und Themen in der modernen Welt, die nur noch für Spezialisten durchschaubar sind.

Man sagt ja, dass es ungefähr zur Goethezeit wirklich umfassend gebildeten Menschen (Elite!) zum letzten Mal möglich war, das gesamte Wissen der Welt ansatzweise vollständig zu erfassen und halbwegs sicher zu bewerten.

Zwei Tage nach meinem Beitrag, am 12.1.2016, kam dann der Auftritt der Legida-Frontfrau Tatjana Festerling in Leipzig und damit der Satz: „Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln.“

Meedia-Bericht dazu

Focus-Mitteilung mit dem selben Thema

Da dreht sich einem angesichts eigener Elitenschelte schon einmal der Magen um.

Andererseits – das, was Tatjana Festerling da macht, ist ja auch deshalb so perfide, weil sie ja selbst als abgebrühter Medienprofi und Demagogin eine Eliteerscheinung ist. Sie biedert sich gezielt Personen an, die ihre Ängste durch Politik und Medien nicht mehr ernstgenommen glauben, und baut dabei ein Feindbild auf: Das von Eliten, die gegen das „Volksempfinden“ abgehobene und schädliche Entscheidungen vorbereiten, durchsetzen und dann medial vertreten – warum auch immer sie das wollen würden.

So lassen (und ließen) sich akademische Diskussionen und Fachdiskussionen natürlich leicht verunglimpfen, und niemand scheint so recht zu wissen, wie mit dem neuen Graben zwischen einer angeblichen „Intellektuellenelite“ und einem als übergangen oder missachtet dargestellten „Volk“ umzugehen ist. Beim letzten „Presseclub“ am Sonntag jedenfalls sagte Peter Pauls vom Kölner Stadtanzeiger sinngemäß (aus dem Gedächtnis zitiert), man müsse in der Flüchtlingsbedatte (um noch einmal dieses weit heiklere Thema heranzuziehen) aufpassen, in Politik und Presse nicht eine ganz andere Diskussion zu führen als in der großen Öffentlichkeit.

Aber muss man das nicht auch tun können?

Ich schließe mich der Ratlosigkeit an – bleibe aber dabei: Bei Themen, die sich noch außerhalb enger Fachkreise verständlich machen lassen, sollten die Spezialisten genau das auch so oft wie möglich versuchen.

In den USA bekommen Wissenschaftler, die allgemeinverständlich schreiben und präsentieren, selbst an den Hochschulen oft Extrapunkte. In Deutschland kann dasselbe Vorgehen den gegenteiligen Effekt haben, selbst wenn die einfachere Darstellungsweise den inhaltlichen Wert einer Arbeit nicht mindert.

Schade.

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