Vom Nutzen der Maskerade -#SohntrifftBecker

MaskxEngen echte oder virtuelle Masken ein oder befreien sie ein Individuum von Zwängen? Warum endet das in der einen Kultur mit Cybermobbing und in der anderen mit einer ganz speziellen, artifiziellen Form der freien Meinungsäußerung?  Was hat das Thema Rollenspiel damit zu tun und was ließe sich damit für die Kommunikationskultur in der Wirtschaft anfangen? Und in der Informationssicherheit? Und gibt es da Berührungspunkte zur aktuellen Corona-Krise?

Bei #SohntriiftBecker haben wir das diskutiert:

Blog-Beitrag auf ichsagmal.com

Youtube direkt

– und herausgekommen sind mal wieder viele neue Fragen und vor allen Dingen Gedankenanstöße. Vielen Dank an Gunnar Sohn und Lutz Becker!

 

 

Ein schmaler Grat

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Kommentare über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Einstellungen in der Gesellschaft zu Masken und Maskierten wollte ich mir eigentlich verkneifen. Das Foto hier allerdings – es gehört zu einem taz-Online-Artikel – reizt nun doch dazu, diesem Vorsatz untreu zu werden.

Klassische medizinische Masken haben eine derart spezielle Form, dass sie nicht an Masken zum Verbergen der Identität oder an Karnevalsmasken erinnern. Sie wecken ganz andere Assoziationen. Das Bild von Karsten Thielker allerdings zeigt einen Maskenträger, der mit seiner „Community-Maske“ diesen Assoziationsraum bewusst verlassen hat. Zusammen mit der Sonnenbrille, die den Augenkontakt verhindert, wirkt sein Outfit eher wie die Verkleidung zu einer – sagen wir: staatskritischen Demonstration.

Oder ist das ein Foto, das aus solch einem Zusammenhang stammt? Dann hat es der Autor des taz-Beitrags bewusst ausgewählt, um die Gedanken der Leser in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken.

Spannend ist es so oder so, wenn man auf die Personen im Hintergrund schaut. Der Blick des Erwachsenen ist latent feindlich und sagt: Was ist das für einer? Was soll ich von dem halten? Das Kind ist einfacht irritiert-erstaunt oder sogar verängstigt.

Ob das Bild nun aus der Corona-Welt stammt oder nicht: Es zeigt, wei schmal der Grat zwischen medizinisch begründetem Maskentragen und Identitätsverschleierung ist und wie leicht man auf die Idee kommen kann, ihn zu überschreiten. Und damit landet man schnell bei all den anderen Phänomenen, die aus der  Corona-Krise resultieren, und die allesamt politische Implikationen haben:

  • Demonstrationen werden aufgrund des Kontaktverbots schwieriger. Die Thematik ist bereits beim Verfassungsreicht angekommen. Sicherheit und Freiheit im Konflikt.
  • Faktoren westlicher Kultur, die in den Auseinandersetzungen um die Burka stark betont wurden, sind plötzlich „gefährlich“ und entweder teilweise erschwert oder ganz verschwunden. „Wir sehen einander in die Augen“, „wir geben einander die Hand“. Sicherheit versus lokale Kultur.
  • Gerade bewegten wir uns weg vom Individualverkeht, jetzt wird er zum Überlebensfaktor. Selbst die Autokinos kommen wieder. Sicherheit versus Naturschutz und kulturellen Wandel, zumindest solange die E-Mobilität noch schwächelt.

Und so weiter. Auf die Konflikte, die diese Konstellationen auslösen, und auf die juristischen Folgen und am Ende die wissenschaftlichen Arbeiten, die dadurch ausgelöst werden, darf man bei aller Besorgnis um Corona durchaus gespannt sein.

Für diesen Blog bleibt erst einmal die Erkenntnis: Ein Äquivalent zur venezianischen „Gesellschaftsmaske“ wird es in Deutschland wohl nicht so schnell geben. Aber die venezianische „Pestmaske“, die haben wir jetzt. Und die wiederum nennen wir „Community-Maske“. Auch eine Art von „Culture-Clash“, wenn auch historisch.

Kamera als Maske

Im alten Venedig konnte man jederzeit auf maskierte Bürger treffen – Menschen, die mit ihrem Umhang, ihrer Gesichtsmaske und ihrem Hut genau so stark anonymisiert waren wie heute eine orientalische Burka-Trägerin. In unserer westlichen Kultur dagegen zeigt man – auf Freiheit stolz – sein Gesicht.

Stimmt leider nicht, unsere Städte sind voll von Maskenträgern. Man begegnet ihnen an jeder Ecke, in der U-Bahn, im Bus, in der Kirche – überall.

„Was soll das denn“, denken Sie jetzt vielleicht. „Stimmt ja überhaupt nicht.“

Doch. Ich hole mal etwas aus.

Ein Kulturvergleich zwischen dem alten Venedig und dem modernen Westen, wie ihn Bettina Weßelmann und ich in unserem wissenschaftlichen Aufsatz zum Thema dieses Blogs angestellt haben, fördert tatsächlich eine recht unterschiedliche Haltung der Menschen in beiden Kulturen zu den Themen „Anonymität“ und „Maske in der Öffentlichkeit“ zutage.

Ein Maskenträger, dem man auf der Straße begegnete: Das war in Venedig ein idealer oder idealisierter Bürger – zumindest, wenn die Maske die Bauta war. In unserer Kultur dagegen erwartet man hinter Maskenträgern, wen man sie ausnahmsweise doch im Alltag trifft, eher Verbrecher oder zumindest Menschen, die „etwas zu verbergen“ haben. Folgerichtig gilt das Vermummungsverbot für Demonstrationen, während man in Venedig sogar „Vermummungsgebote“ für bestimmte politische Akte kannte. Halbwegs positiv werden Masken in unsere Kultur nur im Zusammenhang mit dem Karneval oder ähnlichem Brauchtum gesehen. Der Gebrauch von Masken ist auf Ausnahmezustände beschränkt, in denen man es sich erlaubt, Grenzen normalerweise angemessenen Verhaltens zu überschreiten und „die Sau rauszulassen“.

Das moderne Misstrauen in die Maske hat sich in den vergangenen Jahren in den heftigen Diskussionen um die Burka manifestiert. „Bei uns schaut man einander ins Gesicht“, hieß es dann zur Legimierung von Burka-Verboten aus Richtung der Politik. Demokratie und Anonymität scheinen unvereinbar.

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Foto: dpa (Burka-Trägerinnen), Amcrest (Kamera)

Vor diesem Hintergrund ist es merkwürdig, dass der heutige Westen eine sehr extreme, neuzeitliche Form der Maskierung durchaus akzeptiert und sogar als gesellschaftlichen Sicherheitsfaktor betrachtet.

Was ich meine, sind die allgegenwärtigen Überwachungskameras.

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Foto: Wikimedia Commons

Der Mensch hinter der Kamera versteckt sich. Hinter einer Kamera können viele Menschen stecken oder hinter vielen Kameras ein Mensch – oder gar kein Mensch, sondern eine Maschine, die die Effizienz des Zuschauens und Kontrollierens multipliziert. Wer von einer Kamera beobachtet wird, kann sein Gegenüber noch schlechter einschätzen als jemand, der einer Frau mit Burka auf der Straße begegnet. Keine Bewegung hilft ihm dabei, die Intentionen seines Gegenübers zu verstehen. Er weiß nicht, was der Beobachter hinter der Kamera mit den Bildern anstellt, die er gerade gewinnt. Ein Dialog mit dem Menschen hinter der Kamera ist entweder unmöglich oder hoch technisiert und damit von großer Distanz gekennzeichnet. Die Kamera als Maske erzeugt ein extremes Machtgefälle zwischen dem Maskenträger und dem, der unmaskiert auftritt und beobachtet wird.

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Überwachungskamera in der St.-Christophorus-Kirche in Werne. Foto: jw

Für die Kamera als Maske gilt:

  • Kein Gesicht zu sehen
  • Keine Gestik erkennbar
  • Unklar: Schaut jemand zu – oder gerade nicht?
  • Kommunikation findet nicht oder nur eingeschränkt statt
  • Das „Gegenüber“ bleibt unbekannt oder muss mühsam ermittelt werden.
  • Das „Gegenüber“ kann überall sein
  • Das „Gegenüber“ kann nicht helfen…
  • … aber durchaus eine Waffe abfeuern.
  • Kameras sind geeignet oder lassen sich, einsetzen um die Anonymität von Bürgern aufzuheben (Stichworte: Gesichtserkennung, Bewegungsprofile).

Wer von einer Kamera beobachtet wird, kann oder muss ich eine ganze Reihe von Fragen stellen:

  • Wer oder was steckt dahinter?
  • Wie reagiert er/sie/es auf mich?
  • Ist da ein Mensch, mehrere Menschen, Maschinen, nur ein Rekorder?
  • Was macht/machen er/sie/es/sie mit den Bildern?
  • Findet Gesichtserkennung statt? Abgleich mit anderen Bildern?
  • Wie, wo, für wen, wie lange werden die Bilder gespeichert?
  • Wie komme ich an die Bilder?
  • Lande ich irgendwann auf YouTube?
  • Holt er/sie/es Hilfe oder schaut er/sie/es nur zu?

Vor diesem Hintergrund ist es merkwürdig, dass eine Demokratie zugleich das Tragen von Masken kriminalisieren und den Einsatz von Überwachungskameras fordern und fördern kann. Ethisch vertretbar wäre dies nur, wenn man davon ausgehen könnte, dass sich hinter den Kameras immer die Guten verbergen und dass die von Kameras Beobachteten immer die potenziell Bösen sind. Dies allerdings ist selbst bei einer prinzipiell vertrauenswürdigen Staatsmacht wie in Deutschland ein frommer Wunsch – ganz abgesehen davon, das hinter den meisten Überwachungskameras, denen der Bürger in der Öffentlichkeit gegenübersteht, private Betreiber stecken, deren Umgang mit den Bildern kaum kontrollierbar ist.

Die Burka übrigens, so ambivalent sie mit ihren frauenfeindlichen Konnotationen heute auch sein mag, hatte in ihrer Kultur durchaus auch eine Funktion zum Schutz der Privatsphäre. Sie ist das Zelt, das man mit sich herumträgt, um in der Öffentlichkeit allein zu sein. Mit der Schutzfunktion der Burka spielen wunderschön auch die Macher der „Burka-Avenger“-Zeichentrickserie – man sieht es, wenn man den Linien eines ihrer Filmplakate einmal mit dem Zeichenstift folgt.

BuAv

Das verborgene Zelt - Quelle siehe separater Beitrag.

 

 

Immer noch nichts zu verbergen?

Der Datenmissbrauchs-Fall um Facebook und Cambridge Analytics greift tief in die Meinungsbildungsprozesse ein, die Teil des modernen westlichen Demokratiekonzepts sind.

Ein kleiner argumentativer Umweg über das gerühmt-berüchtigte „Nichts zu verbergen“-Argument zeigt, wie stark diese Störung ist. Dieses Argument besagt: „Wenn ich nichts Böses vorhabe, kann mir Überwachung – etwa durch Strafverfolger – gleichgültig sein, also hat Überwachung nur Vorteile und keine Nachteile.“ Datenschützer haben schwer damit zu kämpfen.

Eine der bekannteren Erwiderungen darauf stammt von Daniel Solove: Allzu große Offenheit über sich selbst berührt häufig auch die Interessen anderer. Ein Mensch etwa, der die Krebserkrankung eines Familienmitglieds oder Freundes herumerzählt, mindert mitunter leichtfertig die Chancen des Betroffenen, wieder einen Job zu bekommen. Facebook unterminiert die Vorsicht in solchen Dingen, weil die Plattform das „Teilen“ und „Verbinden“ zum positiven Maß der gesellschaftlichen Interaktion hochstilisiert.

Für den aktuellen Fall noch spannender ist die Kritik an der „Nichts-zu-Verbergen“-Position, die von Emilio Mordini formuliert wurde, einem Gutachter für EU-Instanzen in Fragen digitaler Identifizierungstechnik. Mordini sagt, dass erst die Fähigkeit, etwas von sich zu verbergen, einen Menschen zum Individuum macht. Der Mensch schafft es sonst nicht, sich von anderen Wesen abzugrenzen und sein „Ich“ vollständig zu entwickeln.

Addiert man hierzu Byung-Chul Hans harsche Analyse der Idee einer „Transparenzgesellschaft“, die antisozialem und kriminellem Verhalten die stetige Überwachung aller durch alle entgegensetzen will, tritt eine tatsächlich die Demokratie gefährdende Tendenz zutage: Sobald Menschen sich nicht einmal mehr temporär aus der Gesellschaft zurückziehen können oder wollen, um etwas Komplexes zu durchdenken, und wenn stets jeder ihrer mentalen Entwicklungsschritte gewollt oder ungewollt öffentlich wird, haben sie es schwer, kreative und eigenständige Ideen zu entwickeln. Sich allzu schnell äußeren Einwänden auszusetzen, birgt die Gefahr, bei Widerspruch oder fremder Belehrung ebenso schnell mit Anpassung zu reagieren.

Cambridge Analytics hat im Facebook-Bestand gezielt nach Wählern gesucht, die sich noch im politischen Meinungsbildungsprozess befanden, und diese Menschen gezielt selektiver Beeinflussung ausgesetzt – eine viel intensivere Indoktrination, als jede klassische Parteienwerbung sie leisten könnte. Die modernen Demokratien müssen daraus den Schluss ziehen, dass es gut ist, wenn ihre Bürger etwas zu verbergen haben und dies auch tun – sprich: Sie müsse Anonymität und Datensparsamkeit fördern, wo sie hingehören, auch wenn Innenminister, Strafverfolger oder Profilbildungs-Strategen in der Wirtschaft dies gar nicht gern hören.

Edward Snowden hat den Vertretern der „Nichts-zu-verbergen“-Theorie sinngemäß eine sehr intelligente Replik entgegengehalten: „Dann könnte man auch sagen, man brauche keine Meinungsfreiheit, weil man gar nichts Eigenes vorzubringen habe.“

Facebook und Cambridge Analytics haben Transparenz und Beeinflussbarkeit gefährlich nah zueinander gebracht.

Gekürzte Version als Leserbrief in der Süddeutschen Zeitung, 31.3.2018

David Bowie und die unsichtbare Maske

David Bowie hat immer wieder neue Künstler-Rollen gespielt, sich neu erfunden, sich neu ausprobiert. Dabei spielten auch Masken und Verkleidungen eine wichtige Rolle. Ein Paradebeispiel für „Informationelle Selbstgestaltung„.

David_Bowie_1976

David Bowie als „Thin white Duke“ 1976 – von Jean Luc – Quelle und Lizenz

Schauspieltechniken und Masken helfen introvertierten Personen dabei, anders zu sein, als es ihrem Naturell entspricht. Sie können dann sogar – auf Zeit – wie extrovertierte Personen agieren. Dazu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die hier schon mal Thema waren.

Seit Oktober 2017  geistert eine Geschichte durchs Netz, die schon viel „geliked“ und von Blog zu Blog weitergereicht wurde. Ich reihe mich jetzt auch noch ein, denn die Story passt einfach allzu gut zu den hier diskutierten Themen – und zwar vor allem zur Frage, was das Tragen einer Maske aus Menschen macht und machen kann.

Wenn alles so stimmt, wie es im Web kolportiert wird, hat David Bowie einmal bei einem Backstage-Treffen ganz allein mit einem stark introvertierten, ängstlichen, gehemmten, aus heutiger Sicht vielleicht autistischen Jungen gesprochen. Allein, weil sich das Kind gar nicht traute, mit anderen Menschen zusammen an solch einen Event teilzunehmen.

Bowie sagte dem Jungen, dass er dessen Ängste verstehe, und dass er selbst immer eine unsichtbare Maske trage, die ihn vor der komplizierten Welt und den Menschen um ihn herum schütze. Er nahm die Maske ab, zeigte, wie ängstlich er dann war, schenkte sie dem Jungen und machte sich selbst dann noch aus Luft eine neue, bevor er ging: „Jetzt haben wir beide solch eine Maske.“

Der damalige Junge erinnert sich noch heute an diese Begegung, sie hat ihm offenbar sehr geholfen. Ein Freund – Paul Magrs – hat davon dann in seinem Blog erzählt.

Hier ist das englische Original.

 

Sie haben’s schon wieder getan

Sie? Die Österreicher.

Was getan? Masken verboten.

Wann denn das letzte Mal? 1798.

Na gut, das war nicht gerade gestern, aber in historischen Dimensionen nicht allzuweit weg.

Und so ganz stimmt es auch gar nicht, was ich diesmal hier verzapfe.

Gehen wir’s deshalb der Reihe nach an.

„1797 löste sich die [venezianische] Adelsrepublik auf und wurde von den Franzosen unter Napoleon Bonaparte besetzt, dann 1798 bis 1805 an Österreich angegliedert.“ (Wikipedia)

Das war die Zeit, als die Anonymitätspraxis rund um Bauta und Tabarro verboten wurde.

Und heute haben die Österreicher ein Gesetz, das jegliche Gesichtsmaskierung in der Öffentlichkeit verbietet – Zielrichtung ist dabei primär die Burka.

Das Hübsche ist nun, dass das Vorhaben so skurrile Auswüchse zeitigt. Eine „Umsetzung nach Augenmaß“ hatten sich die Österreicher gedacht, aber erst einmal hätten Sie beinahe einen Haifisch verhaftet – und dann, was doch noch viel schooner ist – das Maskottchen genau jenes Parlaments, dass das Anti-Masken-Gesetz verabschiedet hat. Dass dann noch eine frierende Radfahrerin wegen eines Schals um den Mund verwarnt wurde, ist fast schon ein zu vernachlässigender Kollateralschaden.

Hier die Links zum Nachlesen:

Haifisch

Parlamentshase Lesko 1

Parlamentshase Lesko 2

Radfahrerin