Sie haben’s schon wieder getan

Sie? Die Österreicher.

Was getan? Masken verboten.

Wann denn das letzte Mal? 1798.

Na gut, das war nicht gerade gestern, aber in historischen Dimensionen nicht allzuweit weg.

Und so ganz stimmt es auch gar nicht, was ich diesmal hier verzapfe.

Gehen wir’s deshalb der Reihe nach an.

„1797 löste sich die [venezianische] Adelsrepublik auf und wurde von den Franzosen unter Napoleon Bonaparte besetzt, dann 1798 bis 1805 an Österreich angegliedert.“ (Wikipedia)

Das war die Zeit, als die Anonymitätspraxis rund um Bauta und Tabarro verboten wurde.

Und heute haben die Österreicher ein Gesetz, das jegliche Gesichtsmaskierung in der Öffentlichkeit verbietet – Zielrichtung ist dabei primär die Burka.

Das Hübsche ist nun, dass das Vorhaben so skurrile Auswüchse zeitigt. Eine „Umsetzung nach Augenmaß“ hatten sich die Österreicher gedacht, aber erst einmal hätten Sie beinahe einen Haifisch verhaftet – und dann, was doch noch viel schooner ist – das Maskottchen genau jenes Parlaments, dass das Anti-Masken-Gesetz verabschiedet hat. Dass dann noch eine frierende Radfahrerin wegen eines Schals um den Mund verwarnt wurde, ist fast schon ein zu vernachlässigender Kollateralschaden.

Hier die Links zum Nachlesen:

Haifisch

Parlamentshase Lesko 1

Parlamentshase Lesko 2

Radfahrerin

 

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Biometrie absurd, oder: Ich schmink‘ mich für die Bundesdruckerei

Wenn das kein guter Grund ist, diesen Blog wiederzubeleben! Ich weiß jetzt, dass ich biometrisch schlecht verwertbar bin, dem Kreisverwaltungsamt München sei Dank. Und mein wichtigstes Erkennungszeichen, meine Unterschrift, muss ich aus rein formalen Gründen verändern.

Ob ich mir jetzt verlorengehe?

Die Geschichte beginnt im späten August. Mein Reisepass ist abgelaufen, der Personalausweis schon lange, also brauche ich beides neu. Vor dem Besuch beim zuständigen Bürgerbüro gehe ich zu einem „richtigen“ Fotografen, damit das Passfoto nicht wieder zur Lachnummer für die nächsten 10 Jahre wird. Die Fotografin ist gut, das Ergebnis gefällt mir.

Der Dame beim Kreisverwaltungsamt ebenfalls, jedenfalls akzeptiert sie das Foto sofort. Meine Unterschrift auch. Meinen Fingerabdruck ebenfalls. Den allerdings will ich nur dort gespeichert wissen, wo es unbedingt nötig ist.

Am Ende noch alles bezahlen – und ab in die Wartezeit.

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Biometrieverwirrende Frisur von von Adam Harvey

Wochen später kommt dann ein Brief. Aber nicht etwa mit der Mitteilung, Pass und/oder Ausweis seien fertig, sondern mit dem Hinweis, weder meine Unterschrift noch mein Bild seien bei der Bundesdruckerei verwertbar. Ich möge bitte mit neuem Bild erscheinen und neu unterschreiben. Sollte ich nicht reagieren, werde der Antrag storniert, ich möge für diesen Fall doch bitte meine Kontonummer zwecks Rücküberweisung der Gebühren bekanntgeben.

Ein kurzer und durchaus freundlicher E-Mail-Dialog mit der Mitarbeiterin beim Amt bringt Licht ins Dunkel. Bei meiner Unterschrift haben sich über die Jahre die Zeichen des Vornamens zu einem Schnörkel verschliffen, der jetzt wie der real existierende Vorname „Jos“ aussieht. Das akzeptiere das Passamt nicht. Die Dame schlägt vor, auf „J.“ auszuweichen. Überhaupt sei der Punkt bei abgekürzten Namensteilen wichtig. Was das Bild betrifft, so sei allerdings wohl nur etwas beim Scannen schiefgegangen, ich dürfe gern mit dem selben Foto noch einmal kommen. Selbstverständlich ohne eine Nummer zu ziehen und dann wieder stundenlang zu warten.

Überhaupt sei hier, um Missverständnissen vorzubeugen, kurz eingeschoben, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kreisverwaltungsamts (KVR) in München den ganzen folgenden Kasus und mich selbst ebenso kompetent wie zuvorkommend behandelt und dabei auch so manches Mal ihren Kopf geschüttelt haben. An Ihnen liegt’s nicht, der Wurm steckt im System.

Ich bin also wieder vor Ort. Ich frage nach, wie es denn sein könne, dass ich die seit Jahren praktizierte Unterschrift nun ändern müsse und welche Konsequenzen das für anderswo hinterlegte Unterschriftsproben haben könne. Eine völlig unleserliche Unterschrift würde doch auch akzeptiert. Ich zeige der KVR-Mitarbeiterin meine Gesundheitskarte und eine Kreditkarte, beide mit dem vermeintlichen „Jos“ darauf, dem Stein des Anstoßes.

Die Dame geht damit noch einmal zum Chef. Aber das ändert nichts: Das „Jos“ bleibt formal unzulässig. Aber ich müsse in Zukunft sicherlich nur bei hoch offiziellen Unterschriftsleistungen wie beim Notar darauf achten, ebenfalls „J.“ zu kritzeln, gibt man mir zu verstehen.

Das nehme ich erst einmal zur Kenntnis, probe ein paarmal mein neues „J. Wiele“ und hinterlasse es dann für Pass und Personalausweis im System.

Dann geht es an das Problem „Bild“. Die Mitarbeiterin bestätigt, dass es korrekt angefertigt wurde, und liest es noch einmal ein. Aber wieder zeigen sich Schwierigkeiten: Das System akzeptiert es im zweiten Anlauf diesmal immerhin für den Ausweis, aber nicht für den Pass. Der Mund sei ja offen, meint die Bilderkennung. Ist er aber nicht. Wir starren zu zweit ratlos auf das Foto. Und mir dämmert angesichts dieser Fehlinterpretation ein Verdacht.

Ich bin mit meinen westfälisch-irischen Wurzeln blond, hellhäutig und blauäugig und inzwischen ein paar Jahre über die 50 hinaus. Dieses Passfoto ist das erste, auf dem auch ein weißblonder Dreitagebart zu sehen ist, der die Lippenkonturen ein wenig verschleiert. Helle Haut, heller Bart, helle Lippen, helle Haare – da gehen der biometrischen Erkennung wohl die Ankerpunkte verloren. „Könnte sein“, meint die Dame von KVR. Jetzt werde ich zum ersten Mal leicht ungehalten: „Soll etwa ich mich verändern, damit diese Maschine mich erkennt? Soll ich mir womöglich ab jetzt die Lippen schminken? Den Bart abrasieren?“

Meine Gesprächspartnerin findet das auch nicht richtig und probiert noch ein paarmal, ob sich die Systemantwort durch Neuscannen ändern lässt. Klappt aber nicht.

„Das muss durch“, befindet sie schließlich und sendet den Antrag trotz Bildwarnung ab. Auf das Ergebnis sind wir jetzt beide gespannt. Und wenn das Bild nun akzeptiert wird – was macht dann in Zukunft zum Beispiel die Flughafenbiometrie mit mir? Ich fühle mich immerhin genötigt, den Fingerabdruck nun in Pass und Ausweis aufnehmen zu lassen. Eigentlich nicht richtig, aber Reiseprobleme möchte ich bei meinem Job doch tunlichst vermeiden.

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Biometriestörendes Kleidungsmuster, ebenfalls von Adam Harvey

Ein paar Anmerkungen dazu.

Anmerkung 1: Ich bin nun wahrlich nicht unbedingt derjenige Typ, der Biometrie von vornherein und aus Prinzip ablehnt. Aber sie wird zur fragwürdigen Sache, wenn sie Menschen ihres Aussehens wegen benachteiligt. Gewisse Zweifel an der Praxistauglichkeit dürfen dann wohl erlaubt sein, zumal für den Einsatz in einem derart sensiblen Bereich. Was keinesfalls in Frage kommt, ist, das eigene Aussehen biometriegerecht zu modellieren.

Anmerkung 2: Dass die deutsche Bundesdruckerei ausgerechnet mit heller Haut und blonden Haaren Probleme bekommt, ist per se ein netter Witz. Vor allem zu einer Zeit, in der Politiker wieder fremdenfeindliche Stammtischparolen auspacken, zunehmend unangenehm deutschtümeln und zugleich Ewiggestriges über die innere Sicherheit faseln. Apropos: „In Deutschland zeigen wir unser Gesicht!“. Mach ich ja, hilft aber nix. Immerhin spare ich mir die Investition in biometriestörende Frisuren und Kleidung (siehe Bilder), bei mir ist die Gesichtserkennungsabwehr schon eingebaut. Für einen Menschen, der ein Faible für Masken und Anonymitätstheorien hat und auch noch als Datenschützer agiert, ist das doch ein ganz tolles Ding.

Anmerkung 3: Dass man aus formalen Gründen plötzlich ein jahrelang bewährtes Mittel der Identifizierung – die Unterschrift – verändern und damit schwächen muss, ist interessant. Hier treffen Aspekte der Lesbarkeit auf solche der eindeutigen Wiedererkennung – das müsste mal jemand separat professionell durchdenken.

Buchbeitrag erschienen

Aus dem Vortrag zu Bauta und Tabarro, den meine Co-Autorin Bettina Weßelmann und ich im November 2015 in Berlin gehalten haben, ist – wie hier schon erwähnt – zwischenzeitlich ein wissenschaftlicher Buchbeitrag entstanden.

Jetzt ist das Buch auch erschienen.

Buch_Rossnagel

Bestellen kann man es (natürlich) in Amazonien, aber auch im „normalen“ Buchhandel und per Versand z.B. auch ganz einfach hier, wo das genau so schnell und sogar auf Rechnung geht.

Der Beitrag hat den Titel „Anonymität als soziokulturelle Inszenierung“ und findet sich auf S. 109.

Transparenzgesellschaft als Katastrophe

Mal wieder etwas entdeckt, was viele andere schon kennen dürften: Byung-Chul Han kritisiert in seinem Buch „Transparenzgesellschaft“ (Berlin 2012) scharf das entsprechende Prinzip, das hier und hier schon Thema dieses Blogs war.

Byung

Der Philosoph sieht in der konsequent verfolgten Forderung nach Transparenz die Gefahr einer Gleichschaltung der Gesellschaft, in der alles Individuelle, Andere und Fremde durch die Diskreditierung aller unverständlich erscheinenden Lebensäußerungen unterdrückt wird. Aus seiner Sicht bedroht radikale Transparenz, wenn sie sich zum gesellschaftlichen Paradigma aufschwingt, auch die Kunst, da sie sowohl jene privaten Rückzeugsräume zu eliminieren sucht, in denen individuelle Kreativität ohne eine früh einsetzende und begleitende Kritik gedeiht, als auch Formen rätselhafter und geheimnisvoller Kommunikation an sich zurückzudrängen versucht. Der Wunsch, alles durchschauen zu wollen, zerstört überdies das Prinzip Vertrauen – siehe dazu das Interview mit dem Philosophen: „Wie steuern auf eine Katastrophe zu“ im Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 50/2012.

Kreative Pause

War ja klar – der Blogger schreibt nichts mehr, und damit genau das nicht nach purer Faulheit aussieht, deklariert er das Nichtstun kurzerhand als kreative Pause.

Mag was dran sein.

Aber ein paar der Gedanken aus „Licence-to-Mask“ haben derzeit tatsächlich wieder einmal die Chance, in eine ernsthafte wissenschaftliche Publikation aufgenommen zu werden. Ich arbeite daran, zusammen mit meinen Co-Sprechern den gegenwärtigen Stand der Überlegungen aus dem Blog für den Sammelband zur Konferenz „Zukunft der informationellen Selbstbestimmung“ aufzubereiten. Was wir dort erzählt haben, darüber habe ich hier schon geschrieben.

Eine erste Version habe ich den Herausgebern des Buches schon geliefert. Ganz begeistert waren sie nicht – denn ich hatte den Text direkt mit dem Blog verknüpft.

Wie das geht?

Nun ja, man nehme alte Blogeinträge, transferiere sie eins zu eins als Zitat in den neuen Text und kommentiere sie dann aus der wissenschaftlich fortgeschritteneren Perspektive. Fand ich gut, weil es ganz nebenbei dokumentiert, wie ein „Teilzeit-Wissenschaftler“ heute von der Werkstatt-Atmosphäre eines Blogs und des damit verbundenen Dialogs leben kann. Kam aber nicht an, verursacht jetzt Arbeit beim Umschreiben.

Was also entstehen wird, wenn es denn überhaupt gelingt, ist ein ganz normaler, trockener, geradeaus formulierter wissenschaftlicher Aufsatz.

Aufsatz.

Allein dieses Wort.

Der einzige „Aufsatz“, der bei mir noch positive Assoziationen auslöst, ist der auf dem Toaster für die Brötchen.

Es macht mir erhebliche und erstaunliche Schwierigkeiten, die Gedanken, die hier in den vergangenen Jahren so ganz beiläufig entstanden und angesichts echter oder imaginärer Diskussionspartner Form gewonnen haben, neben dem Alltags-Job in eine traditionelle wissenschaftliche Abhandlung zu pressen. So ein Blog bietet einem Autor doch irgendwie auch die Chance, jene Kräfte zu nutzen, die Heinrich von Kleist in seinem genialen Aufsatz zur „allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“ analysiert hat: Wer versucht, einem Gespächspartner im direkten Dialog etwas Komplexes nahezubringen, das er vielleicht selber noch nicht vollständig verstanden hat, kommt genau bei diesem Prozess auch auf neue Ideen. Ein Blog kommt dem näher als der übliche „Ich-schreib-mal-was-im-stillen-Kämmerlein“-Prozess.

Andererseits haben mir die Kommentare der Peer-Reviewer meines ersten Versuchs, den aktuellen Bauta-Forschungsstand in Worte zu pressen, auch neue Hinweise auf nützliche Literatur und andere Anregungen geliefert.

OK, ich suche einen Mittelweg, und deshalb tauche ich noch bis mindestens Mitte dieses Monats wieder ab.

Aber immerhin habe ich noch eine fundamentale Änderung an diesem Blog durchgeführt. Den alten Screenshot aus „Second Life“ auf der Titelseite habe ich durch jenes schönes „Bauta-und-Tabarro“-Foto ersetzt, das ich neulich im Fotolia-Reservoir gefunden habe. Aus Nostalgiegründen hier noch einmal die alte Titelgrafik:

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Und ganz abgesehen von dem allen: Mein neues Hobby „Frosch im Rosengarten“ macht derzeit einfach mehr Spaß und ist vor allem weniger theoretisch und virtuell.

Gute Nacht!

Mal wieder ein Bild

Für eine der gerade erwähnten Print-Publikationen habe ich wieder einmal auf Fotolia nach Bauta-Bildern gesucht – und bin fündig geworden und habe eines gekauft. Bitte sehr!

Man in venetian carnival costume

Man in venetian carnival costume, Datei: #86197356 | Urheber: rodjulian

… nun ja, es ist nicht wirklich ein Karneval-Kostüm, wie Leser dieses Blogs ja wissen.

Aber eine hübsche Aufnahme.