David Brins „Transparente Gesellschaft“

Habe begonnen, David Brins schon 1998 erschienenes Buch „The Transparent Society“ zu lesen – ein engagiertes Plädoyer für eine Gesellschaft, in der nichts verborgen bleibt und alle Akteure sich gegenseitig überwachen. Masken jeglicher Art mag der Autor gar nicht, auch keine Verschlüsselung, all dies ist für ihn negativ besetzt. Er glaubt, dass eine allgegenwärtige, nicht exklusiv einer Steuerungsinstitution zugängliche, gegenseitige Kontrolle massiv zur Verbesserung der Lebensbedingungen beiträgt, weil sie wie ein Immunsystem auf alle Fehler und Missbrauchsversuche innerhalb der Gemeinschaft reagiert und Verantwortung und Rechenschaftspflicht durchsetzt. Kreatives Anderssein ist für ihn das, was jeder Mensch will, und die jederzeit mögliche Kritik durch andere Menschen das Mittel der Wahl, unter diesen Umständen jeden Einzelnen in den Schranken sozialverträglichen Verhaltens zu halten.

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Brins Buch ist eine der wichtigen Grundlagen für Christian Hellers Überlegungen, die hier schon Thema waren.

Was bei Brin auffällt, ist, dass sein durchaus faszinierendes Gesellschaftsmodell fast ausschließlich aktive, medienkompetente und einflussreiche, immer wache und auseinandersetzungsbereite Akteure kennt, die permanent ihre Position und mögliche Bedrohungen im Auge haben und in ihrer kommunikativen Internetwelt unmittelbar auf Angriffe reagieren können oder zumindest in der Lage sind, ihr Bild innerhalb der Gemeinschaft aktiv zu formen.

Das Weltbild eines aktiven Bloggers und Publizisten?

Kranke, temporär oder langfristig hilflose, in Sachen Medien weniger begabte, unterdrückte oder einfach nur schüchterne Personen, die von einer Maskierung profitieren könnten und vielleicht gerade unter dem Schutz einer Maske erst an der offenen Diskussion teilzunehmen vermögen, kommen bei ihm nicht vor – und auch kaum die Überlegung, dass Kreativität hin und wieder Zurückgezogenheit braucht, vom Spiel mit Identitäten und Rollen profitiert und andererseits durch permanente Kritik vielleicht auch einmal blockiert wird.

Zumindest nach etwa einem Drittel des Buches ist dies mein Eindruck. Mal sehen, ob dies noch zu revidieren ist, aber das Phänomen an sich war ja schon Thema in der Diskussion mit Heller. Das Konzept der transparenten Gesellschaft jedenfalls fasziniert noch immer!

Identitätsmanagement, Datenschutz und Pseudonyme

Viele moderne Organisationen müssen aus Sicherheits- und Compliance-Gründen, also aufgrund von sicherheitsbezogenen Industrienormen wie etwa ISO 27001 und PCI DSS, ein stringentes Identitätsmanagement Ihrer Anwender vorweisen können. Bei Unternehmen sind dies die Mitarbeiter, die Zugang zur Informationstechnik haben. Es soll dabei jederzeit klar nachweisbar sein, welcher Anwender wann auf welche sicherheitskritischen Daten zugegriffen hat. Ist dies nicht der Fall, bekommt ein Unternehmen beispielsweise kein Zertifikat, um aktiv am internationalen Zahlungsverkehr mittels Kreditkarten teilnehmen oder in diesem Bereich Dienste anbieten zu können.

Wenn diese Vorschriften mit den Vorgaben des Mitarbeiterdatenschutzes kollidieren, lässt sich firmenintern recht gut mit Mitteln wie dem Vier-Augen-Prinzip eine Balance zwischen den jeweils unterschiedlichen Anforderungen und Schutzzielen herstellen: Zugriff auf die Protokolldaten, die die Aktionen der Mitarbeiter festhalten, ist dann beispielsweise nur dann erlaubt, wenn auch ein Mitglied der Arbeitnehmervertretung oder der Datenschutzbeauftragte nachweislich anwesend sind.

Schwierig wird dies, wenn ein Unternehmen nun seinerseits fremde Systeme einsetzt, die ihm via Internet-Verbindung zur Verfügung gestellt werden. Dies kann etwa eine „Cloud“-Lösung für Abrechnungszwecke sein, die das Unternehmen selbst nicht anschaffen will. Die Datenschutzvorgabe, die persönlichen Informationen über die eigenen Mitarbeiter und ihr Tun auch in diesem Fall gegen unfaire Auswertung zu sichern und in einem vom lokalen Datenschutzrecht begrenzten Rahmen zu halten, lässt sich innerhalb solch eines Konstrukts kaum noch erfüllen – vor allem dann nicht, wenn das angemietete System außerhalb der Grenzen des eigenen Kultur- und Rechtsraums angesiedelt ist.

Was also tun?

Die internationale Sicherheitscommunity entdeckt hier plötzlich das lange Zeit eher ungeliebte Prinzip der „Pseudonymität“ wieder, wie dieser Beitrag auf Computerweekly.com zeigt. Jeder Organisationsangehörige, der den externen Service benutzt, tritt dort mit einem von seiner eigenen Organistaion aufgesetzten Pseudonym und einem Satz an Rechten auf, die seiner Rolle im Business-Prozess entsprechen. Die Unternehmen werden in ihrem Bereich zu Identitätstreuhändern und Datenschutz-Garanten, aber auch Reputationsgaranten ihrer Mitarbeiter gegenüber dem externen Dienst. Wenn dieses Verfahren Schule macht, wird es im Internet bald deutlich mehr Akteure geben, die zumindest ihren direkten Kommunikationspartnern gar nicht mehr bekannt sind.

Die venezianischen Bautaträger und ihr Verhältnis zum venezianischen Staat lassen sich damit kaum vergleichen, schon allein weil dort keine unterschiedlichen Masken an sich wieder individuelle Pseudonyme erzeugten, sondern eine immer gleiche generische Rollenmaske verwendet wurde. Vergleichbar ist allerdings, dass auch hier die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe den „Maskenträgern“ Reputation verschaffte, und dass das Recht zum Verbergen der eigenen Identität an ein korrektes Verhalten in einem vorgegeben Rahmen gebunden war. Was in Venedig fehlte und worauf man bewusst verzichtete, war die ständige, zuverlässige Zurechenbarkeit individueller Handlungen unter der Maske, die das moderne Pseudonymitätskonzept unbedingt durchsetzen will.

Anonymität aktuell – das Recht, andere anzupöblen?

Wieder einmal gibt der Westfälische Anzeiger ein Thema her: „Bundesgerichtshof stärkt Anonymität im Netz“, heißt es am 2.7.2014 auf der Titelseite. Der Bundesgerichtshof hat gegen einen Arzt entschieden, der gegen „unrichtige Tatsachenbehauptungen“ auf einer Webseite vorgehen wollte, die anonyme Bewertungen von Medizinern erlaubt. Der Arzt wollte erreichen, dass die Plattformbetreiber die Identität des Autors aufdecken.

Die Meldung habe ich eingescannt und hier abgelegt.

Während diese Meldung – journalistisch korrekt – neutral formuliert ist, klingt der weiterführende Beitrag im Wirtschaftsteil ganz anders. Mit dem Titel „Im Internet weiter unerkannt pöbeln“ bezieht der Autor dort eindeutig Stellung gegen die Möglichkeit der anonymen Meinungsäußerung, zumindest gegen Wertungen auf entsprechenden Plattformen.

Auch diesen Beitrag habe ich bereitgestellt.

Dirk von Gehlen hat am 12. August auf den „jetzt“-Seiten der Süddeutschen Zeitung in seinem Beitrag „Hart aber fair – Debatten im Netz“ darauf hingewiesen, dass professionelle Journalisten häufig besondere Probleme mit anonymen Meinungsäußerungen auf Diskussionsseiten haben, speziell wenn diese stilistisch aus dem Ruder laufen oder nicht einem Mindestmaß an konstruktiver Kommunikationskultur und Political Correctness genügen. Er zeigt aber auch sehr schön, dass sich die ganze öffentliche Streitkultur – auch außerhalb des Internets – derzeit auf niedrigem Niveau bewegt und wie dies unter anderem auf das „Provokationsprinzip“ moderner Talkshows zurückgeht. Gehlen, dessen Text leider nicht mehr online abrufbar ist, fordert vor diesem Hintergrund eine neue Streitkultur.

Muss diese, wenn man die Chancen eines anomymen Meinungsaustausches erhalten will, nicht auch eine neue Anonymitätskultur sein? Vielleicht etwas weit hergeholt.

Interessant ist allerdings, dass andere Autoren genau in diesem Zusammenhang auf die Idee kommen, anonyme Beiträge zuzulassen, für den Fall völlig indiskutabler, diskriminierender oder straftbarer Äußerungen aber die Möglichkeit einer Demaskierung zu schaffen. Ein Beispiel dafür liefert Andreas Herberg in der Huffington Post, der in „Anonym auf Netzjagd“ ein „Mittelding“ zwischen anonymer Diskussion und Realnamenzwang befürwortet.

Noch ein Beitrag, der in diesen Zusammenhang passt: Der Fall Bruno Sagurna.

Anonymität aktuell – zweierlei Maß

Am 15.3.2014 brachte der Westfälische Anzeiger, Ausgabe Werne, einen Bericht über eine Debatte um „Nummernschilder“ an Polizeiuniformen. Beamte der NRW-Bereitschaftspolizei sollen neue Uniformen mit zusätzlichen Nummernschildern für eine leichtere Identifizierung im Falle von Amtsmissbrauch bekommen.

Gegen diese Kennzeichnung wendete sich zunächst der Vorsitzende der NRW-Polizeigewerkschaft,  Arnold Plickert, weil man auch bisher schon immer in der Lage gewesen sei, Beamte im Falle entsprechender Vorwürfe zu identifizieren. Außerdem stelle man die Beamten mit den Nummern unter „Generalverdacht“. Werner Lohn, Personalexperte der CDU-Landtagsfraktion, sprach von einer ideologisch begründeten Maßnahme, die die Beamten womöglich sogar in Gefahr bringe.

Einen Scan des Beitrags habe ich hier abgelegt.

Plickert hat recht – wenn es kein Problem mit der Identifizierbarkeit der Polizisten in den tatsächlich seltenen Verdachtsfällen gibt, braucht man die Nummern nicht. Interessant ist aber das Argument, man dürfe die Beamten doch nicht unter Generalverdacht stellen. Mit den Bürgern macht man dies doch völlig ohne Bedenken – siehe vor allem die Vorratsdatenspeicherung, die Plickert immer wieder vehement verteidigt. Einen entsprechenden Leserbrief, den ich dem Westfälischen Aneiger schrieb, veröffentlichte das Blatt ein paar Tage später.

Sie können ihn hier nachlesen.

 

Randbemerkung aus San Francisco: Staatsfeind Nr. 1

Wir sind in San Francisco, auf der weltgrößten Konferenz für Informationssicherheit, der RSA-Konferenz, als Sprecher zu einem reichlich abgedrehten Nerd-Thema im Bereich der SIEM-Technologie. Wir sind böse Kollaborateure, weil wir in den USA zu Sicherheitsthemen referieren und uns nicht angesichts des NSA-Skandals für den Boykott entschieden haben.

Tatsächlich hat das Unternehmen RSA, das die Konferenz einst ins Leben rief, mit der NSA zusammengearbeitet. Aber die Konferenz selbst ist längst ein Selbstläufer geworden, in der NSA-Gegner genau so ein Forum finden wie leidenschaftliche Befürworter der US-Sicherheitsbehörden. Bruce Schneier beispielsweise ist auch hier, und der ist bestimmt nicht verdächtig, ein NSA-Freund zu sein.

Aber darum geht es gar nicht. Auf der Konferenz wird als Einlage der Film „Staatsfeind Nr. 1“ gezeigt.

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Was mir noch nie aufgefallen war: Im ganzen Film besteht die Gegenwehr gegen die NSA-Spionage praktisch ausschließlich darin, Waffengleichheit herzustellen, die Spione ebenfalls auszuspionieren und ihr Tun entweder öffentlich zu machen oder sie gegenüber ihren eigenen Vertauenspersonen zu diskreditieren.

Und, wenn man genau hinschaut: Alle Guten spionieren sich in dieser Geschichte auch gegenseitig aus!

Die Frau des Helden etwa, erklärte Gegnerin der US-Agenten, stöbert ganz selbstverständlich in den Sachen ihres Mannes herum und schnappt sich ihr Geburtstagsgeschenk, während Ihr Mann noch verfolgt wird. Die Kinder nehmen alles an sich, was sie ergattern können – und der NSA-Gegner und einzige Helfer des Helden, Brill, hat am Ende auch eine Kamera im Haus seines Freundes platziert.

Ein Film für Privacy-Enthusiasten ist das definitiv nicht, aber ein Fest für die Freunde von Hellers Transparenz-Gesellschaft!

Privacy geht auch anders – Gedankenaustausch mit Christian Heller

Christian Hellers Buch „Post Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre“ ist für jemanden, der die eigene Privatsphäre schätzt und Überwachung fürchtet, zunächst einmal harter Tobak: Heller befürwortet eine transparente Welt, in der jeder sein Leben komplett offenlegt. Menschen könnten so am besten voneinander lernen, schädliche soziale Entwicklungen vermeiden – und selbst Personen mit den wildesten Interessen und Lebensentwürfen fänden dank Transparenz auf jeden Fall irgendwo Gleichgesinnte und könnten so sozialen Repressionen entgehen.

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Liest man den Text, spürt man einen Seite für Seite wachsenden Druck, nicht so unsozial zu sein, irgendetwas verbergen zu wollen. „Privacy“ steht in Hellers Kosmos für Unvollkommenheit: Die Menschheit soll im Idealfall so tolerant sein, dass niemand etwas verbergen muss. Den Kampf um Privacy im Internet hält Heller bereits weitgehend für verloren.

„Datenschutz“ und speziell das Konzept der „Privatsphäre“ im uns geläufigen Sinne sieht Heller auch kritisch – unter anderem  als potenzielle Schutzfunktion der existierenden Machthaber und Machtstrukturen. Er verweist außerdem auf negative Seiten traditioneller Privatsphären-Konzepte, etwa den fragwürdigen Schutz häuslicher Gewalt, der sich lange Zeit damit verband.

Dieser Versuch einer Zusammenfassung ist allerdings nur eine extrem verkürzte Darstellung des Werks. Das Buch ist definitiv lesenswert, auch wenn man dem Autor generell nicht zustimmt oder speziell nicht der Meinung ist, dass die schwarzen Seiten des Sich-Verbergens den Privatsphäre-Gedanken so weit diskreditieren.

Es gibt zwei Formen von „Privacy“, die sich Heller auch für die Zukunft als sinnvoll vorstellen kann:

  • Eine Art freie Übereinkunft, auch ohne Schutzmaßnahmen bestimmte Bereiche des Lebens einfach dem Einzelnen zu überlassen, sie nicht weiter erforschen zu wollen und sie auch nicht zu bewerten und
  • eine temporäre Privacy nach der Art, wie man im Web einen Anonymizer benutzt.

Dazu hatten wir einen kurzen Gedankenaustausch per E-Mail, den ich hier wiedergeben darf:

JW:

Hallo Herr Heller,

würde gern etwas mit Ihnen diskutieren. Ich lese gerade „Post Privacy“ (spät, aber  gründlich), bin noch nicht durch, aber beziehe Ihre spannenden Ideen auf ein altes  europäisches Anonymitätskonzept, dem ich in meiner Freizeit auf den Grund zu gehen  versuche.

Link dazu folgt.

Ich teile Ihre Ansicht, dass die typisch deutsche Datenschutzidee historisch gewachsen  ist und wahrscheinlich gar nicht mehr so recht auf die moderne Internetwelt passt.

Ich kann auch nachvollziehen und würde jederzeit unterschreiben, dass die  „extrovertierte“ Version von informationeller Selbstbestimmung nicht nur „Pfui bah“ ist,  sondern ihre Vorteile hat, akzeptiert gehört und als Modell bedenkenswert ist.

Da ist nur ein Problem, das mich beschäftigt: Ich glaube, als Individuum muss man hin und  wieder die Möglichkeit haben, „die Rolladen zuzuziehen“ und eine Weile mit sich oder  seinen engsten Freunden allein zu sein („The right to be left alone“). Sei es, um mit  sich selber ins Reine zu kommen und sich selber im einen oder anderen Lebensentwurf  auszuprobieren, ohne dass irgendwer von außen seinen Senf dazu gibt. Sei es, um einfach  eine Weile unbeobachtet und vor allem unbewertet ruhen und sich von was auch immer erholen zu können. Genau das ist für mich „Privacy“.

Deshalb beschäftigt mich das alte, dummerweise vergessene Modell der venezianischen  Anonymitätskultur. Was ich dazu nach und nach ausgrabe, finden Sie unter  http://www.licence-to-mask.com. Der englische Teil hinkt dem deutschen leider derzeit mächtig  hinterher.

Die Venezianer teilten unsere aktuelle Vorstellung von einerseits privatem, andererseits öffentlichem Leben gar nicht. In beiden Sphären zogen sie sich temporär eine genormte  Gesellschaftsmaske über, wenn sie meinten, für eine bestimmte Aktion anonym zu sein sei  einfach besser – beim Meinungsaustausch im Senat, bei ersten Verhandlungen mit  unbekannten Händlern, im Casino, im Hafen oder beim Besuch von Liebhaber oder  Liebhaberin. Das alte Venedig war ein Denunzianten- und Schnüffelstaat erster Güte mit  gefürchteter Staatinquisition, aber die Masken-Zuflucht hatten zumindest die  Stadtadeligen (und jeder, der so tat, als ob) über etliche Jahrhunderte hinweg immer. Das  Ganze funktionierte bis zum Einmarsch der Österreicher so gut, dass sich die Venezianer  am Ende die Maske nur noch an den Hutrand klemmten oder durch eine weiße Spielkarte  ersetzten – als Signal, zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht als „Person“ gelten zu wollen,  sondern als „Anonymous“, dem man sein Tun und Lassen bitte nicht zurechne – solange er  bestimmte Grenzen (Gewalt) nicht überschritt.

Wäre das ein „Privacy“-Modell, dass zur Internetgesellschaft passt? The right to be left  alone, wenn die ganze Außenwelt einfach mal zuviel wird? Wäre mir sehr sympathisch…

Gruss,
Johannes Wiele

Heller:

Hmm, finde vor allem den letzten Punkt interessant, dass die Anonymität zum Ende hin bereits durch die Hutkarte funktionierte. Das hieße, so ich das richtig verstehe, dass die Identität des „Anonymisierten“ nicht streng geheim war (im Sinne einer Sache, die Unautorisierte schlicht nicht wissen /konnten/), aber man sich sozial darauf einigte, sie zu ignorieren.

Ich glaube, Privatheit auf Grundlage faktischer Geheimhaltung ist ein Auslaufmodell: Es lässt sich immer weniger verhindern, dass eine bestimmte Information nach außen hin verfügbar wird. Privatheit auf Grundlage sozialer Konvention im Sinne der Hutkarte kann ich mir dagegen als weiterhin machbar vorstellen: Wir könnten wissen, was Andere Leute in ihrem Schlafzimmer tun, wir haben dazu die technischen Mittel, und vielleicht sind Daten, die es umschreiben, sogar in irgendwelchen Datenbanken gespeichert und fließen in irgendwelche statistischen Kalkulationen mit ein. Aber vielleicht halten wir es trotzdem für unsittlich, diesen Daten hinterher zu stöbern, und vor allem, für die Betroffenen spürbar und sie bedrängend in ihr Schlafzimmer hinein zu lugen. Wie vermutlich auch der Hutkartenträger kann ich mir nicht hundertprozentig sicher sein, dass nicht doch irgendwer gegen diese soziale Konvention verstößt und mir bis in mein Schlafzimmer nachspioniert. Aber soweit diese soziale Konvention stark ist, kann ich damit rechnen, dass derjenige, der gegen sie verstößt, sozial abgestraft wird, so er dabei ertappt wird.

Das greift über in ein kurioses Argument, das David Brin in seinem Buch zur „Transparent Society“ entwürft: Die totale Transparenz könnte Privatsphäre vielleicht sogar hier und da stärken, weil auch jeder Akt des Spionierens, Überwachens und Spannens sichtbar gemacht und dadurch leichter sozialer Kontrolle unterworfen werden könnte. Bliebe eine starke soziale Konvention bestehen, dass diese oder jene Form des Eindringens in die Privatsphäre unduldbar sei, ließe sich diese Konvention dann umso stärker durchsetzen, wo jeder Privatsphären-Eindringling bei seiner Untat sofort ertappt würde.

Anekdotisch spricht dafür die gar nicht so neue Erfahrung, dass es „private“ Bereiche des Lebens gibt, die keineswegs im Verborgenen stattfinden, die in bestimmten öffentlichen Sphären zum Thema zu machen man sich aber dennoch verbittet. Wo und mit wem ich nach Dienstschluss mein Bier trinke, geht meinen Arbeitgeber nichts an, da hat er nicht reinzureden; nun kann es dennoch geschehen, dass er durch Zufall davon erfährt – das aber sollte kein Problem sein, er hat mir dennoch nicht im beruflichen Kontext daraus einen Strick zu drehen oder es mir zu verbieten oder mies zu machen. Dieses „Gewähren“ von Privatsphäre, ohne dass sie des Schutzes der Verborgenheit bedarf, könnte vielleicht die eine oder andere bisherige Privatsphäre auf Grundlage von Verborgenheit ersetzen.

JW:

Die Antwort gefällt mir.

Sie passt auch gut zu den Venezianern. Ihr Anonymitätsmodell war ja nicht verordnet, sondern ist aus spielerischen Umgangsformen miteinander entstanden und dann soziale Konvention geworden. Später fand man das Ganze eben auch praktisch für eine Art Vorgängerform der „freien und geheimen Wahlen“ im Senat, den maskierten Gedankenaustausch.

Und gerade da, wo es formal besonders geregelt zuging, passt Ihr Argument noch einmal. Als ich meiner Frau zum ersten Mal vom „anonymen“ Diskutieren und den Fistelstimmen bei den politischen Diskussionen erzählte, hat sie mich prompt ausgelacht: „Das glaubst Du doch selber nicht, dass die nicht wenigstens den einen oder anderen erkennen konnten. Da gab es doch auch welche, die besonders klein, dick, dünn oder groß waren, hinkten oder ihre Marotten hatten!“ Stimmt ja, so „wasserdicht“ wie es das deutsche Datenschutzgesetz sein will, konnte die venezianische Methode gar nicht sein. Eher gab es viele Grauzonen, immer neue Mixturen aus halbgarer Anonymität und halbsicherem gegenseitigem Erkennen, aber mit offenbar meistens funktionierender gegenseitiger Achtung.

Mir gehen zwei weitere Dinge nicht aus dem Kopf:

Spielen mit Anonymität, Pseudonymität oder Zweit-Identitäten werden Menschen bestimmt immer, wie damals erst beim Karneval und der Commedia dell‘ Arte, heute in den Imageboards, in virtuellen Spielwelten und so weiter, selbst wenn Menschen ihr Leben sonst sehr offen führen. Und: Es gibt sicher auch immer den einen oder anderen Lebensstatus, in dem sich ein Mensch so verletzlich fühlt, dass ihm der bloße Blick von außen (vielleicht temporär) einfach zu viel wird. Hoffentlich gibt es dann eine Konvention, ihn mit sich oder ein paar Wenigen eben doch allein zu lassen.

Die Argumentation von Brin schaue ich mir jetzt auf jeden Fall einmal genauer an.

Noch zwei ganz kurze Fragen.

Die erste ist praktischer Natur: Darf ich Ihre Antwort auf den Licence-to-Mask-Blog stellen? Nicht lachen.

Die zweite: Als immerhin eine Möglichkeit, eine Form von „Privacy“ auch in einer Post-Privacy Welt zu erhalten, sehen Sie eine sehr individualistische temporäre Selbstverbergung etwa durch Anonymizer an. Diese hätte dann nicht die historischen Implikationen wie unser Datenschutz, der immer noch „Sphären“ wie überholte patriarchalische (und matriarchalische, ich komme aus dem Münsterland) Familienstrukturen mittransportiert. Freut mich natürlich, weil es dem venezianischen Modell mit seiner Maskierung quer zu den Gesellschaftssphären recht nahekommt. Würden Sie auf dieser Basis denn zustimmen, dass es vielleicht doch positiv ist, wenn der Einzelne wenigstens temporär die Vorhänge zuziehen kann – und sei es, um in Ruhe einen Gedanken auszubrüten, den er selber noch nicht für so fertig hält, dass er ihn fremder Kritik aussetzen will? Selbst wenn das Gefühl, ein Individuum zu sein, ja trügt, sind Einzelne auch in ihrem Weltbild ja so etwas wie potenziell einzigartige Wirkungskonstellationen aus sozialen und anderen Einflüssen, bei denen es sich lohnen könnte, auf ihre eigene Interpretation der Dinge auch einmal ein wenig zu warten. Hirn als Hardware dazu läuft ja leider eher langsam.

Heller:

Nur ganz kurz, weil ich grad im größtenteils internetfreien Urlaub bin:

Ja, Antworten dürfen gern veröffentlicht werden.

„dass es vielleicht doch positiv ist“, klar, ich will gar nicht in Abrede stellen, dass das (mindestens: auch) Vorteile haben kann, wenn es denn gelingt.

(Ende des Dialogs)

Hellers Vorstelllugen von einer möglichen „Privacy im Transparenzzeitalter“ kommen dem venezianischen Maskenwesen wirklich erstaunlich nahe. Im Nachhinien frage ich mich allerdings, ob zumindest in unserer Gesellschaft schon jeder „digital“ souverän und stark genug ist und andererseits die Geselllschaft weit genug ist, dass man auf den Schutz der Privatsphäre durch den Staat verzeichten könnte. Paradebeispiel ist für mich der Mensch im Krankenhaus, der sein Recht auf informationelle Selbstbestimmung temporär einfach nicht ausüben kann.

Trotzdem. Vielleicht ist es an der Zeit, individuellere Formen von Privacy unter die Lupe zu nehmen. Das viel diskutierte Recht etwa, sich anonym zu informieren und Transaktionen so weit wie möglich ohne Freigabe persönlicher Daten durchzuführen, wird zurzeit nicht sonderlich hoch gehalten. Warum eigentlich?

Wie es weitergeht – zweiter Anlauf

Schon vor geraumer Zeit hatte ich so etwas wie eine Planung für diesen kleinen Forschnungsblog versucht – und mich gewaltig geirrt. Das Thema des Spiels einer generischen Rolle, das mit dem Tragen von Bauta und Tabarro verbunden ist, drängte sich vor und beanspruchte ganz mit Recht viel Raum und Zeit.

Ich wage jetzt noch einmal eine Vorausschau und glaube, dass sie diesmal realistisch ist.

  • Was das Rollenspiel betrifft, so steht unbedingt noch ein Blick auf Johan Huizingas kulturhistorisches Werk „Homo Ludens“an: Der Autor behauptet, dass Spiel, Kultur und Kulturentwicklung sehr eng miteinander zusammenhängen. Dies möchste ich gern mit Ignatio Toscanis Ergebnissen abgleichen und untersuchen, wie die venezianische Anonymitätskultur in dieses Schema passt.
  • Anschließend steht David Auerbach auf dem Plan, der ähnliche Gedanken für die Internetkultur verfolgt und in seinem Essay „Anonymity as Culture“ unter anderem Rollenspiel-Elemente bei der Nutzung anonymer Internet-Foren genauer untersucht hat. Ich dachte bisher beispielsweise, die „Trolle“, die ungeliebten Störenfriede und Stänkerer in Foren wie Krautchan und 4Chan oder auch anderen Plattformen, meinten es zumeist ernst mit ihren Einlassungen  – Auerbach dagegen kann zeigen, dass das Trolling und seine Abwehr, aber auch sonstiges Kommunikationsverhalten in Internet-Foren, häufig eine besondere Art elaborierten Rollenspiels darstellen.
  • Danach würde ich mich gern noch kurz damit auseinandersetzen, ob Bauta und Tabarro noch irgendeinen Zusammenhang mit ursprünglichen rituellen und religiösen Bedeutungen von Masken haben. Vielleicht hilft dabei ein Blick in Lisa Zeitz`“Der Mann mit den Masken“ – eine Biographie des Psychoanalytikers und Maskensammlers Werner Muensterberger.
  • Der letzte Punkt zum Thema Rollenspiel und Maske ist dann ein weiteres Mal das „Gentleman-Ideal“ – weil „Gentleman“ zumindest teilweise und zeitweise auch eine Rolle war, die Personen in bestimmten Kulturen bewusst spielen konnten und, weil es die Gesellschaft forderte, auch spielen mussten. Hier geht es unter anderem erneut um den stabilisierenden Höflichkeitsfaktor, der Bautaträger offenbar am Missbrauch der Freiheiten ihrer anonymisierenden Maske hinderte.
  • Von dort aus dürfte dann der Schritt zum nächsten großen Thema zu schaffen sein, dem Abgleich des venezianischen Anonymitätsmodells mit anderen Konzepten des privaten und öffentlichen Lebens.

Aber langsam wird es gehen – und die englische Übersetzung sollte schließlich auch einmal wieder mit dem deutschen Blog gleichziehen.

Trust in Adherence to a Predefined Role – EIC 2013

Am 16. Mai 2013 war ich auf Einladung von Jörg Resch nach meinem Vortrag 2010 wieder einmal Gast der European Identity Conference, um über das venezianische Anonymitätsmodell zu sprechen.

Es ging dieses Mal vor allem darum, herauszufinden, warum das venezianische Anonymitätsmodell funktionierte und keine übermäßig erhöhte Kriminalitätsrate hervorbrachte. Die Grundthese war – wie schon in früheren Beiträgen dieses Blogs – dass das auch von Ignatio Toscani bereits behandelte Rollenspiel-Element hier als stabilisierender Faktor wirkte:

  • Bauta und Tabarro wurzeln historisch im Karneval und den Rollenspielen der Commedia dell’Arte. Die Venezianer kannten beides und waren daran gewöhnt.
  • Die Maske als Anonymisierungsmittel einzusetzen, bedeutete eine bedachte Handlung: Man musste sich gekonnt „verkleiden“, was ein wenig Aufwand und Zeit kostete. Die Maske dann zu tragen, bedeutete zugleich Versteck zu spielen und auf sich aufmerksam zu machen.
  • Die Rolle des „idealen venezianischen Bürgers“ zu übernehmen bedeutete auch, das Betragen eines Gentlemans anzunehmen.
  • Venezianer, die mit einem Bauta-Träger kommunizierten, konnten darauf vertrauen, dass er seine spezielle politische und gesellschaftliche Rolle akzeptierte und sich in seinem Verhalten an die daran geknüpften Spielregeln hielt.
  • Bei Missbrauch waren Sanktionen möglich.
  • Die Bauta anzulegen, bedeutete also, bewusst soziale Kontrolle und sozale Erwartungen zu akzeptieren.  Es bedeutete auch, eine mögliche Demaskierung, einen damit verbundenen Ehrverlust und den unmittelbaren  Ausschluss aus der venezianischen Gemeinschaft als Sanktion bei Missbrauch der Privilegien zu akzeptieren, die die Bauta bot.
  • Somit war mit der Maske ein direkter und unvermeidlicher Einfluss auf das Verhalten der Träger verbunden.

Die gesamte Präsentation steht hier zum Download zur Verfügung.

In der Diskussion, die sich an den Vortrag anschloss, interessierten sich die Zuhörer für das dem Anonymitätsmodell zugrundeliegende Reputations- und Sanktionssystem. Ein gewöhnliches „Belohnungsystem“ liegt insofern nicht vor, als das erwartete Verhalten eines Maskierten aus Sicht der Venezianer einfach „normal“ war. Sozialer Druck allerdings existierte als Korrektiv sehr wohl, und die Teilnehmer fanden es interessant, dass die Strafe für Fehlverhalten den Delinquenten unmittelbar in seine reale, nicht anonymisierte Existenz zurückwarf und dort Folgen hatte.

Andererseits schloss eine Demaskierung nicht aus, dass der Düpierte neu maskiert wieder am anonymen Leben teilnahm, sofern es ihn nicht ins Gefängnis verschlug. Aufs anonyme Leben beuogen, existierte also eine rein verhaltensbasierte Sicherheit. Dies, da stimmten die Zuhörer zu, könne man auf anonyme Plattformen im Internet übertragen: Wer sich schlecht benimmt, wird einfach ah hoc ausgeschlossen. Ist der Neu-Anmeldeprozess nur mühsam genug, könnte die pure Lästigkeit der Sanktion möglicherweise wirksam für Wohlverhalten sorgen.

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V wie Venedig – Guy Fawkes in der Lagunenstadt

Es war im April 2013, als ich endlich einmal wieder mit meiner geliebten Frau durch die schmalen Gassen von Venedig streifen konnte. Natürlich warfen wir auch einen Blick in die Schaufenster der Maskenhersteller – und fanden: Guy Fawkes!

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Die Venezianer stellen die Maske auf ihre traditionelle Weise her, und irgendwie wirkt ihre Version freundlicher als die bekannten Kunststoff-Masken, die dem Vorbild im Comic „V wie Vendetta“ und dessen Verfilmung nachempfunden sind.

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Nur ein Gag für die Touristen? Vielleicht.

Aber es ist einfach eine spannende Sache: Die Guy-Fawkes-Maske ist wohl die gesellschaftlich bedeutsamste Maske unserer Zeit, steht nicht zuletzt für das Recht auf Anonymität und den Schutz der Privatsphäre, und hängt nun genau dort zwischen historischen Masken, wo das Recht auf Anonymität schon einmal erfolgreich verwirklicht wurde. Das hat doch was.

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Beitrag in der Wirtschaftszeitung „Brand eins“

Carolyn Braun hat in der Wirtschaftszeitung „Brand eins“ einen schönen kleinen Beitrag über mein Bauta-Projekt geschrieben: Die Maske der Ehrbaren. Wer nicht lesen will, kann den Text übrigens auch hören oder als MP3-Datei speichern (Auf der Seite den Eintrag „brand eins 07 / 2012 Schwerpunkt: Digitale Wirtschaft“ wählen, Klick mit rechter Maustaste auf Hören).

Leider hat sich am Anfang ein Fehler eingeschlichen: Dass sich alle Anonymous-Aktivisten in Deutschland „Bernd“ nennen, war so nicht gesagt, nicht gehört, nicht verstanden und auch nicht von der Autorin notiert – da hat vermutlich eine flotte Kürzungsaktion der Redaktion ihre Spuren hinterlassen. „Bernd“ nennen einander die Teilnehmer des deutschen Image-Boards „Krautchan“, „Anonymous“ die des englischsprachigen Boards „4Chan“. Die Infos dazu stehen am Ende dieses Artikels. Aber ansonsten mir gefällt der Beitrag wirklich gut, und das Gespräch mit der Autorin hat viel Spaß gemacht. Dass sie mit dem Begriff „Verhüllungsgebot“ operiert, der so schön mit dem deutschen „Vermummungsverbot“ kontrastiert, macht mir besondere Freude.

Während des Interviews ist mir übrigens plötzlich ein Aspekt der politischen Meinungsäußerung hinter einer Maske klargeworden, der den meist negativ beurteilten Aspekt der enthemmenden „Deindividuation“ (siehe auch hier) noch einmal in ein ganz anderes Licht rückt: Dieser Effekt hilft vielleicht schüchternen Menschen, die sich die Teilnahme an einer offenen politischen oder anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzung gar nicht zutrauen, vor allem wenn diese, wie es so bezeichnend heißt, potenziell „persönlich“ wird. Zu dieser im Grunde trivialen, aber für die Behandlung des Themas wichtigen Erkenntnis demnächst mehr in einem eigenen Artikel.

Deutschlandradio Kultur“ berichtete über das Brand-eins-Heft und nahm sich dabei – im letzten Viertel des Hörstücks – ebenfalls Zeit für die Masken. Das Rundfunkbeitrag steht ebenfalls zum Anhören oder zum Download (Verfahren siehe oben) zur Verfügung.

Alle Seitenabrufe erfolgten zuletzt am 11.08.2012.

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