Maskierte Helden: Burka Avenger

Bis jetzt habe ich mich darum herumgedrückt, in diesem Forschungsblog auf die Burka einzugehen. Die Ganzkörpermaske islamischer Frauen schien mir zur weit entfernt von der Bauta. Immerhin steht die Bauta für eine frühe Form der demokratischen Staatspraxis und erlaubte darüber hinaus, auch durchaus hedonistisch motivierten privaten Interessen nachzugehen. Die Burka dagegen hat einen streng religiös-kulturellen Hintergrund, der, so die gängige und wahrscheinlich zu simple Interpretation, dem europäischen, individualistisch geprägten Freiheitsdenken völlig entgegengesetzt zu sein scheint und Frauenrechte unterdrückt. Der einzige direkte Berührungspunkt schien darin zu liegen, dass sich moderne Menschen in westlichen Kulturen offenbar gegenüber von Burkaträgerinnen, deren Gesicht sie nicht sehen können, ähnlich unbehaglich fühlen wie in früheren Zeiten Nicht-Venezianer angesichts eines Bauta-und-Tabarro-Trägers.

Aber jetzt habe ich über die „maskierten Superhelden“ geschrieben, und da komme ich um „Burka Avenger“ nicht herum.

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„Burka Avenger“ heißt die Heldin einer pakistanischen TV-Comic-Serie – in der Titelrolle eine Lehrerin, die sich nach Catwoman-Manier die Burka überstreift, um genau gegen diejenigen islamistischen Feinde anzugehen, die in Pakistan Frauen in ihre tradtionellen Rollen und damit eben auch in die Burka zurückzwingen wollen. Die Fernsehserie hat eine offizielle Website.

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Wie schwierig zu beurteilen, aber auch wie erfolgversprechend dieser Versuch ist, Freiheit und Bildung in Paskistan zu fördern, hat unter anderem die Zeit herausgearbeitet. Die Wochenzeitung zeigt auch, dass hier durchaus an den Fall der echten Freiheitskämpferin  Malala Yousafzai angeknüpft wird. N24 berichtet: Während die Islamisten die Serie als Angriff als Angriff auf religiöse Werte verstehen, weist der in London lebende, aber in Pakistan als Pop-Star geltende Erfinder der Serie den Zusammenhang mit dem Religiösen einfach zurück: Die Burka sei ein rein kulturelles Phänomen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen und ist im Fluss, aber höchstwahrschenlich geht es hier doch auch um eine Burka-Umdeutung, die bei Traditionalisten als Provokation ankommen muss.

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Darüber, wie die Autoren auf die Idee gekommen sind, die Superheldin in der Burka auftreten zu lassen, verrät dieser Time-World-Beitrag ein wenig mehr. Danach war es erklärtes Ziel, eine maskierte Heldin einzuführen – und damit eine eben ein Frau, die ihre Identität verbirgt. Ein „Catwoman“- oder „Wonder-Woman„-Dress, so Serienerfinder Rashid, hätten in Pakistan aber wahrscheinlich nicht „funktioniert“. So kam man zur Burka als jenem Gewand, dass in der pakistanischen Kultur die vertrauteste Maskenfunktion für eine Frau hat. Das mag nun ein wenig geschwindelt sein, um den oben erwähnten Umdeutungsfaktor kleinzureden – aber dass die Burka auch in Pakistan selbst bereits mit Erfahrungen und Deutungen aus unterschiedlichen, auch westlichen Kuturen betrachtet wird, zeigt die dort gängige Bezeichnung aggressiv-religiös auftretener Burka-Trägerinnen als „Ninja Turtles„, auf die wiederum umdeutend auch der Realname „Jiya“ der Burka-Avenger-Heldin anzuspielen scheint (siehe dazu ebenfalls den bereits genannten Time-World-Beitrag).

Das „Held in Maske“-Modell und die „Burka“ trennen also wohl doch nicht mehr Welten. Wie mächtig das westliche Modell ist, könnte man nun auch daran ablesen, wie die eigentlichen Zielgruppen – nicht die Fundamentalisten – in Pakistan auf die Serie reagieren. Dieser Tageschau-Film lässt darauf schließen, dass zumindest Teile der pakistanischen Bevölkerung die Serie so verstehen, wie es sich der Autor gedacht hat. Er macht aber auch deutlich, dass pakistanische Bürgerrechtlerinnen, die die Burka tragen mussten und dagegen schon länger vorgehen, als es die Serie gibt, einer „Freiheitsheldin in Burka“ nicht so recht folgen wollen. Sie tun sich mit einer interkulturellen Umdeutung schwer.

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Bild in hoher Auflösung – Einbindung der Bilder mit freundlicher Genehmigung des Burka-Avenger-Teams.

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Anonymität und Denunziation

Venedig war nicht nur eine Stadt der Anonymität, sondern auch ein Ort der Denunziation. Am Dogenpalast und anderen Plätzen der Stadt waren spezielle Briefkästen installiert, die “Löwenmäuler” (Bocca di Leone).

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Sie waren dazu vorgesehen, unterschiedlichste Beschwerden an die Staatsmacht zu richten. Sie dienten dabei auch dazu, dass  Venezianer andere Venezianer möglichst leicht gegenüber der Obrigkeit anschwärzen konnten. Jeder Denunziant konnte darauf zählen, dass seine Identität geheimgehalten wurde, anonyme Anzeigen allerdings fanden nur in schwerwiegenden Ausnahmefällen Beachtung. Verfolgt wurden die Anschuldigungen von der Staatsinquisition und dem “Rat der Zehn”, der zeitweise oberste Polizeibehörde und oberstes Gericht zugleich war.

Waren Bauta und Tabarro vielleicht auch ein Instrument, um ein Gegengewicht gegen das Denunziantentum und besonders neugierige, schwer zu kontrollierende Institutionen der Staatsmacht zu schaffen?

Dafür müsste man zunächst einmal Belege suchen. Wäre es der Fall, dass die Venezianer diese Verbindung sahen, steckte darin eine interessante Parallele zur heutigen Internetwelt. Die Forderung nämlich, sich im Internet anonym bewegen zu können und zu dürfen, beruht ja nicht zuletzt auf dem Gefühl der Netznutzer, von allzu vielen staatlichen und kommerziellen Lauschern auf Schritt und Tritt überwacht zu werden. Technisch gewährleistete Anonymität soll aus ihrer Sicht ein Mittel gegen das Ungleichgewicht der Kräfte zwischen den mächtigen spionierenden und Profile bildenden Organisationen und den unbescholtenen Bürgern im Netz bilden.

Wie bekommt man nun heraus, ob die Venezianer tatsächlich so dachten? Gibt es mehr Belege, dass zu viel Überwachung die Forderung nach Anonymität als Regulativ nach sich zieht – wie jetzt wieder nach der Aufdeckung des Datenhungers der westlichen Geheimdienste? Interessantes Forschungsthema, eventuell gibt es ja schon Arbeiten dazu.

Edward Snowdon jedenfalls ist aus dieser Perspektive eine Art „umgekehrter Denunziant“ oder Whistleblower – er hat Missstände nicht einer etablierten Institution, sondern dem eigentlichen Souverän der westlichen Welt, also den Wählern in demokratischen Staaten gemeldet. Interessante Konstellation!

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V wie Venedig – Guy Fawkes in der Lagunenstadt

Es war im April 2013, als ich endlich einmal wieder mit meiner geliebten Frau durch die schmalen Gassen von Venedig streifen konnte. Natürlich warfen wir auch einen Blick in die Schaufenster der Maskenhersteller – und fanden: Guy Fawkes!

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Die Venezianer stellen die Maske auf ihre traditionelle Weise her, und irgendwie wirkt ihre Version freundlicher als die bekannten Kunststoff-Masken, die dem Vorbild im Comic „V wie Vendetta“ und dessen Verfilmung nachempfunden sind.

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Nur ein Gag für die Touristen? Vielleicht.

Aber es ist einfach eine spannende Sache: Die Guy-Fawkes-Maske ist wohl die gesellschaftlich bedeutsamste Maske unserer Zeit, steht nicht zuletzt für das Recht auf Anonymität und den Schutz der Privatsphäre, und hängt nun genau dort zwischen historischen Masken, wo das Recht auf Anonymität schon einmal erfolgreich verwirklicht wurde. Das hat doch was.

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Präsentation in Rom

Joerg Resch, Co-Founder and Managing Director, KuppingerCole, hat das venezianische Anonymitätsmodell am 11.5.2012 in einem Workshop in Rom vorgestellt, der sich mit Biometric Spoofing befasste. Er hat die venezianische Bauta als Beispiel für ein Trust Framework beschrieben, die das Prinzip der Minimal Disclosure durch Anonymität perfekt verfolgte habe, und die Idee dann mit aktuellen Trust-Framework-Konzepten verglichen.

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Gedanken über Privatsphäre und Datenschutz

in seinem Blog www.metaphorous.com hat Wilhelm Greiner 2010 ein paar interessante Gedanken über Privatsphäre und Datenschutz im Zeitalter der sozialen Medien veröffentlicht. Später verschwand der Blog aus dem Web, aber das Internet-Archiv bewahrt ihn in der Wayback-Machine auf. Der Eintrag findet sich hier. Aus Wilhelms Sicht gibt es für eine Person, die datenschutzbewusst agiert, vier mögliche Haltungen zu den modernen sozialen Medien:

  1. „Lifecasting“ – ich, mein Leben und alles damit Verbundene soll online sein. Selbstmarketing ist wichtiger als die Privatsphäre.
  2. Völlige Ablehnung – über mich soll online niemals etwas zu finden sein. Privatsphäre und Datenschutz gehen mir über alles.
  3. Genaue Kontrolle bis ins Detail  – jedes Bit, das etwas über mich aussagt, unterwerfe ich einer Risikoabwägung, bevor ich es im Internet veröffentliche.
  4. Mein Social-Media-Stream als permanente Bewerbung – wann immer ein potenzieller Arbeitgeber Informationen über mich findet, soll er den richtigen Eindruck bekommen.
  5. Rollenspiel oder “Alias”-Modus – ich stelle sicher, dass mein Online-Leben so wenig wie möglich mit meinem realen Leben übereinstimmt.

Ich bin mit diesen Kategorien einverstanden. Vor allem, wenn ich in Betracht ziehe, dass Kombinationen aus den Haltungen möglich sind. Wilhelm erwähnt bereits, dass Haltung 5 mit den Haltungen 3 und 4 kombiniert werden kann, aber meiner Meinung nach passt sie auch zu Haltung 2. So kann es sein, dass Web-Bürger, die anonym an Imageboards wie 4chan oder krautchan teilnehmen, Bewohner von virtuellen Welten, oder Spieler von Multi-Player Online-Games niemals irgendwelche Informationen über ihre realen Identitäten auf Web-2.0-Plattformen wie LinkedIn, Xing oder Facebook preisgeben. Hier gibt es durchaus Berührungspunkte zum Umgang der alten Venezianer mit ihrem realen Leben. In ihrer kleinen, aber lebhaften und multikulturellen Stadt im Meer, im ständigen Umgang mit Handelsleuten und Piraten aus jedem Winkel der noch immer nicht vollständig erforschten Welt, entwickelten sie das Konzept eines anonymen Lebens neben der öffentlichen Existenz. Wenn sie die Bauta trugen, spielten sie eine Rolle, die allerdings vordefiniert und generisch war. Offenbar funktionierte das sehr gut. Jeder, der sich in der Bauta-Verkleidung zeigte, wurde als Mitbürger akzeptiert und mit “Signora Maschera” angeredet. Vielleicht ergibt dies eine sechste Haltung zum Thema Privatsphäre, über die man nachdenken muss. Übrigens heißt auf Krautchan jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin „Bernd“. Auch das ist spannend, wenn man an „Signora Maschera“ denkt.

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