Buchbeitrag erschienen

Aus dem Vortrag zu Bauta und Tabarro, den meine Co-Autorin Bettina Weßelmann und ich im November 2015 in Berlin gehalten haben, ist – wie hier schon erwähnt – zwischenzeitlich ein wissenschaftlicher Buchbeitrag entstanden.

Jetzt ist das Buch auch erschienen.

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Bestellen kann man es (natürlich) in Amazonien, aber auch im „normalen“ Buchhandel und per Versand z.B. auch ganz einfach hier, wo das genau so schnell und sogar auf Rechnung geht.

Der Beitrag hat den Titel „Anonymität als soziokulturelle Inszenierung“ und findet sich auf S. 109.

Transparenzgesellschaft als Katastrophe

Mal wieder etwas entdeckt, was viele andere schon kennen dürften: Byung-Chul Han kritisiert in seinem Buch „Transparenzgesellschaft“ (Berlin 2012) scharf das entsprechende Prinzip, das hier und hier schon Thema dieses Blogs war.

Byung

Der Philosoph sieht in der konsequent verfolgten Forderung nach Transparenz die Gefahr einer Gleichschaltung der Gesellschaft, in der alles Individuelle, Andere und Fremde durch die Diskreditierung aller unverständlich erscheinenden Lebensäußerungen unterdrückt wird. Aus seiner Sicht bedroht radikale Transparenz, wenn sie sich zum gesellschaftlichen Paradigma aufschwingt, auch die Kunst, da sie sowohl jene privaten Rückzeugsräume zu eliminieren sucht, in denen individuelle Kreativität ohne eine früh einsetzende und begleitende Kritik gedeiht, als auch Formen rätselhafter und geheimnisvoller Kommunikation an sich zurückzudrängen versucht. Der Wunsch, alles durchschauen zu wollen, zerstört überdies das Prinzip Vertrauen – siehe dazu das Interview mit dem Philosophen: „Wie steuern auf eine Katastrophe zu“ im Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 50/2012.

Kreative Pause

War ja klar – der Blogger schreibt nichts mehr, und damit genau das nicht nach purer Faulheit aussieht, deklariert er das Nichtstun kurzerhand als kreative Pause.

Mag was dran sein.

Aber ein paar der Gedanken aus „Licence-to-Mask“ haben derzeit tatsächlich wieder einmal die Chance, in eine ernsthafte wissenschaftliche Publikation aufgenommen zu werden. Ich arbeite daran, zusammen mit meinen Co-Sprechern den gegenwärtigen Stand der Überlegungen aus dem Blog für den Sammelband zur Konferenz „Zukunft der informationellen Selbstbestimmung“ aufzubereiten. Was wir dort erzählt haben, darüber habe ich hier schon geschrieben.

Eine erste Version habe ich den Herausgebern des Buches schon geliefert. Ganz begeistert waren sie nicht – denn ich hatte den Text direkt mit dem Blog verknüpft.

Wie das geht?

Nun ja, man nehme alte Blogeinträge, transferiere sie eins zu eins als Zitat in den neuen Text und kommentiere sie dann aus der wissenschaftlich fortgeschritteneren Perspektive. Fand ich gut, weil es ganz nebenbei dokumentiert, wie ein „Teilzeit-Wissenschaftler“ heute von der Werkstatt-Atmosphäre eines Blogs und des damit verbundenen Dialogs leben kann. Kam aber nicht an, verursacht jetzt Arbeit beim Umschreiben.

Was also entstehen wird, wenn es denn überhaupt gelingt, ist ein ganz normaler, trockener, geradeaus formulierter wissenschaftlicher Aufsatz.

Aufsatz.

Allein dieses Wort.

Der einzige „Aufsatz“, der bei mir noch positive Assoziationen auslöst, ist der auf dem Toaster für die Brötchen.

Es macht mir erhebliche und erstaunliche Schwierigkeiten, die Gedanken, die hier in den vergangenen Jahren so ganz beiläufig entstanden und angesichts echter oder imaginärer Diskussionspartner Form gewonnen haben, neben dem Alltags-Job in eine traditionelle wissenschaftliche Abhandlung zu pressen. So ein Blog bietet einem Autor doch irgendwie auch die Chance, jene Kräfte zu nutzen, die Heinrich von Kleist in seinem genialen Aufsatz zur „allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden“ analysiert hat: Wer versucht, einem Gespächspartner im direkten Dialog etwas Komplexes nahezubringen, das er vielleicht selber noch nicht vollständig verstanden hat, kommt genau bei diesem Prozess auch auf neue Ideen. Ein Blog kommt dem näher als der übliche „Ich-schreib-mal-was-im-stillen-Kämmerlein“-Prozess.

Andererseits haben mir die Kommentare der Peer-Reviewer meines ersten Versuchs, den aktuellen Bauta-Forschungsstand in Worte zu pressen, auch neue Hinweise auf nützliche Literatur und andere Anregungen geliefert.

OK, ich suche einen Mittelweg, und deshalb tauche ich noch bis mindestens Mitte dieses Monats wieder ab.

Aber immerhin habe ich noch eine fundamentale Änderung an diesem Blog durchgeführt. Den alten Screenshot aus „Second Life“ auf der Titelseite habe ich durch jenes schönes „Bauta-und-Tabarro“-Foto ersetzt, das ich neulich im Fotolia-Reservoir gefunden habe. Aus Nostalgiegründen hier noch einmal die alte Titelgrafik:

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Und ganz abgesehen von dem allen: Mein neues Hobby „Frosch im Rosengarten“ macht derzeit einfach mehr Spaß und ist vor allem weniger theoretisch und virtuell.

Gute Nacht!

Mal wieder ein Bild

Für eine der gerade erwähnten Print-Publikationen habe ich wieder einmal auf Fotolia nach Bauta-Bildern gesucht – und bin fündig geworden und habe eines gekauft. Bitte sehr!

Man in venetian carnival costume

Man in venetian carnival costume, Datei: #86197356 | Urheber: rodjulian

… nun ja, es ist nicht wirklich ein Karneval-Kostüm, wie Leser dieses Blogs ja wissen.

Aber eine hübsche Aufnahme.

Informationelle Selbstgestaltung

Den Begriff „Informationelle Selbstgestaltung“ habe ich bei Michael Nagenborg entdeckt. Er war Teil des Titels seines Vortrags auf der Konferenz „Die Zukunft der informationellen Selbstbestimmung„, an der ich im November in Berlin ebenfalls als Referent teilgenommen habe.

Den Vortrag selbst habe ich leider nicht gesehen, aber der Autor hat mir Manuskripte dazu zugänglich gemacht. Er befasst sich darin mit Aspekten der Selbstgestaltung und der „Erweiterung des Geistes“ durch Technik. Er plädiert dafür, diese Möglichkeiten ernst zu nehmen und fragt vor diesem Hintergrund danach, ob man den Anwendern zu viel Freiheit nimmt, wenn ihnen etwa durch das Design von Social-Media-Tools von vornherein einen restriktiven Umgang mit persönlichen Informationen nahelegt. Wenn ich den Autor richtig verstanden habe, verneint er dies am Ende, weil die entsprechende Design-Entscheidung ja das Ziel hat, die Freiheit der Anwender zu sichern. Ein spannendes Thema!

Mir hilft der Begriff „Informationelle Selbstgestaltung“ zur Zeit dabei, ein paar andere Gedanken auf den Punkt zu bringen, die in diesem Blog schon lange eine zentrale Rolle spielen.

Als vor einiger Zeit in einer Diskussion einmal wieder jemand darauf beharrte, dass die Zeit des Datenschutzes ohnehin vorbei sei und „informationelle Selbstbestimmung“ nicht mehr als eine romantische Illusion darstelle, ist mir mit Blick auf die „Masken“ endlich einmal eine Antwort eingefallen, die den Diskussionspartner tatsächlich erst einmal verstummen ließ:

„So lange Menschen noch an ihrem Image feilen, mit Masken spielen, sich ändern oder dann und wann neu verwirklichen wollen, so lange werden sie auch versuchen, die Informationen zu kontrollieren, die sie an ihre Umgebung senden. Und dabei sollte man sie fairerweise unterstützen, denn sonst sperrt man sie in einem Kokon an zugewiesenen Eigenshaften ein, den sie nicht mehr beeinflussen können.“

Kurios – diese aktive Seite der informationellen Selbstbestimmung haben sowohl Datenschutzaktivisten als auch ihre Gegner noch immer recht selten auf dem Radar. Dabei kennt man das Modell doch schon lange von Künstlern: David Bowie und Madonna etwa haben sich teils als Kunstfiguren, teils als künstlerisches „Ich“ immer wieder neu erfunden und dabei mit allen möglichen Identitätsaspekten gespielt.

Blogger betrachten ihr Tun zuweilen unter ähnlichen Aspekten. Sebastian Flotho etwa versteht seinen Seppolog auch als eine Art Maske, seinen passenden Beitrag dazu habe ich vor einiger Zeit hier eingebunden.

Und auch in den sozialen Netzwerken modellieren sich die Nutzer ihr Bild immer wieder selbst – bei den Business-Netzwerken LinkedIn und Xing, um den nächsten Job oder neue Geschäftsgelegenheiten zu ergattern, und auf Facebook, um in der Clique, der Familie oder ganz seriös im Freundeskreis ein gutes Bild abzugeben und „dazuzugehören“.

Alles Lüge? Alles nur Schau? Übles Selbst-Marketing? Betrug? Müsste man verbieten?

Unsinn, nur im Falle eines kriminellen Missbrauchs.

Eigenartig, heftige ethische Beurteilungen oder besser Ver-Urteilungen bekomme ich angesichts der penibel optimierten Web-Visitenkarten einzelner Menschen immer wieder zu hören. Dabei hat es das Feilen am öffentlichen Bild seiner selbst doch schon seit jeher gegeben, früher eben mittels passender oder gewollt unpassender Kleidung und Frisuren, mit Hilfe passender oder gewollt unpassender Mopeds oder Autos, der Wahl der Freundeskreise und der Freizeitaktivitäten und durch gezielte Modulation der eigenen Kommunikationspraktiken.

Meine Mutter etwa hat mir in den 60ern und 70ern vor dem Hintergrund solcher Überlegungen kein Westfälisches Platt beigebracht, obwohl sie es konnte. Ich sollte konsequent hochdeutsch reden. Um höher zu kommen. Dann habe ich Germanistik studiert. Danach war ich Journalist, schreibe noch immer allerlei Zeug und verfasse zu allen Überfluss diesen Blog. Hatte sie recht? Alles ein Graus.

Die Grenze zwischen oberflächlicher Image-Pflege und echter, ehrlicher Arbeit am Selbst war bei Bestrebungen dieser Art immer fließend. Beides beeinflusst sich gegenseitig. Irre ich mich, oder gab es neben den verschiedenen Facetten des Altruismus in fast allen anerkannten und diskutierten Ethiken nicht immer wieder auch die Zielvorgabe für den Einzelnen, das Beste aus sich selbst herauszuholen?

Erstaunlich finde ich auch, wie intolerant ein gewisser Teil der kleinen oder großen Öffentlichkeit unserer Zeit auf Missgriffe Jugendlicher in Sachen Selbstdarstellung im Internet reagiert. Ich denke dabei vor allem an die immer wieder thematisierten Suff- und Party-Fotos auf Facebook.

Da könnte genau die Generation, die sich darüber heute so künstlich aufregt und dem einen oder anderen „Delinquenten“ aufgrund solcher Funde womöglich eine ersehnte Anstellung verweigert, ganz gut von den Gemeinschaften der alten Dörfer lernen, wo auch jeder jeden kannte.

Wer darf, setze sich einmal bei einem Schützenfest oder einer anderen Feier an den Tisch und lausche den Gesprächen.

Irgendwann kommen mit Sicherheit Geschichten zur Sprache, bei denen es um die Untaten der einen oder anderen Göre oder des einen oder anderen schlimmen Jungen in der Vergangenheit geht – da hat er oder sie geklaut, ist auf den Kirchturm gestiegen oder hat stark alkoholisiert noch ganz andere üble Dinge verübt.

Oft genug kommt dann aber ebenso selbstverständlich die Auskunft hinterher, was aus der fraglichen Person doch später für ein feiner oder erfolgreicher Mensch geworden sei. Nachtragend ist man da eher selten.

So viel Fairness wird in Sachen Internet-Selbstdarstellung wohl erst herrschen, wenn aus jener Generation, die heute mit „ungeeigneten“ Selbstpräsentationen auf Facebook von sich reden macht, mehr Personen selbst Chefpositionen erreicht haben. Das dauert zum Glück wohl nicht mehr so lange. Das neue europäische „Recht auf Vergessenwerden„, das es erlaubt, altes und dem eigenen Image inzwischen wenig förderliches Zeugs aus  Suchmaschinenergebnissen löschen zu lassen, ist da kein echter Ersatz für menschliche Toleranz und Weisheit.

Was natürlich durchaus zu Buche schlägt, ist die Tatsache, dass eine Internet-Selbstpräsentation auf eine weit weniger begrenzte Beurteilerschar trifft als das Benehmen in einem ländlichen Dorf der 50er Jahre. Aber dass die Prinzipien vergleichbar sind, lasse ich mir nicht ausreden.

Randnotiz wegen plötzlichem Geistesblitz:

Muss ich mir jetzt eigentlich alle Tolkien-Bücher, Star-Trek-Folgen und Comics, in denen Formwandler vorkommen, noch einmal auf philosophische Implikationen hin anschauen? Ob beim Formwechsel Aspekte der informationellen Selbstgestaltung im Spiel sind? 

Verlockend.

Bis dann, wir sehen uns 2020. Oder später.

OK, das verschiebe ich lieber noch einmal. 

Da aber schon das Thema „Ethik“ dem Tisch liegt, mache ich stattdessen einen Ausflug zu Gadamer und seinem Aufsatz „Die Kultur und das Wort“. Dabei handelt es sich um einen Vortrag, den der Philosoph zur Eröffnung der Salzbuger Hochschulwochen 1980 gehalten hat. Der Erstdruck erfolgte in „Kultur als christlicher Auftrag heute“, herausgegeben von Ansgar Paus, Kevelaer, Butzon & Bercker, Graz-Wien-Köln, 1981, S. 11-23. Ich entnehmen dem Text dem Bibliothek-Suhrkamp-Band „Hans-Georg Gadamer, Lob der Theorie, Reden und Aufsätze, Frankfurt am Main 1983, S. 9-25.

Für Gadamer ist es eine Wurzel der Kultur und ein besonderes Merkmal des Menschen, dass er seine Anschauung der Welt zur Sprache bringen, in „Worte“ fassen kann. Dieser Akt impliziert, dass der einzelne Mensch seine Anschauung der Dinge auch als seine individuelle preisgibt und damit zur Diskussion stellt. Zwischen den  unterschiedlichen Anschauungen und den daraus folgenden Handlungsanweisungen dann einen allgemeinverträglichen Ausgleich ähnlich den Forderungen des Kategorischen Imperativs nach Kant auszuhandeln, ist das Feld der kulturellen Interaktion und der Ethik.

Sich selbst darzustellen, wäre nach Gadamer dann ein „Wort über sich selbst“, das die Selbst-Interpretation ebenfalls fremder Kritik aussetzt: „So sehe ich mich, was sagt Ihr dazu? Passt das so? Muss ich was ändern?“

Wer heute als medienkompetentes Individuum sein Image via Blog, eigener Website, Facebook, LinkedIn oder Xing gestaltet, wird wohl kaum davon ausgehen, dass er oder sie damit unkritisiert und unkommentiert durchkommt. Kommunikation im Internet bedeutet immer Dialog – machmal erschreckend direkt, ungebremst und heftig. Das allseits sichtbare ständige Feilen an Profilen und Web-Auftritten belegt, dass diese These etwas für sich hat.

Damit aber ist die heute geläufige Praxis der informationellen Selbstgestaltung ein aus ethischen Gesichtspunkten positiv beachtenswerter Prozess, der zur ungehinderten Selbstentfaltung des Einzelnen beiträgt.

Und stand dazu nicht irgendetwas im Grundgesetz? Das müssen wir jetzt also nur noch in der aktuellen Datenschutzgesetzgebung verankern.

Bis dann, wir sehen uns 2040. Oder später.

Verizon, Hacker und die Maske

Das Unternehmen Verizon ist unter anderem ein renommierter Dienstleister für Informationssicherheit. Es bringt regelmäßig Berichte über den aktuellen Stand auf diesem Gebiet heraus und dokumentiert dabei auch Attacken von Cyberkriminellen. Ende März dieses Jahres fand sich unter gelisteten Vorfällen ein erfolgreicher Angriff auf einen Wasserversorger, bei dem die ungebetenen Gäste die chemische Zusammensetzung des Wassers ändern konnten.

Nicht schön, eher erschreckend. Für meine Arbeit als Berater für Informationssicherheit mal wieder ein Wachrüttler, der zumindest den potenziellen Wert des eigenen Tuns belegt.

Was mich hier interessiert, ist allerdings das Titelbild des Berichts, der unter dem Titel „Verizon Data Breach Digest“ läuft und leider nur gegen Registrierung heruntergeladen werden kann.

Das Cover ziert eine Maske, deren Konturen aus vielen Menschen gebildet werden.

Verizon_Mask_1

Die Menschen nimmt man erst dann richtig war, wenn man das Bild erheblich vergrößert.

Verizon_Mask_2

Die Frage ist: Was will mir das Bild eigentlich sagen? Wenn es wieder nur darum geht, die „Bösen“ im Netz mit denen gleichzusetzen, die dort anonym auftreten wollen, verstehe ich nicht das Element der Massenhaftigkeit, das hier enthalten ist.

Soll das eine Anspielung auf die große Zahl der Cyberkriminellen sein? Sind wir aus Sicht von Verizon allesamt Hacker? Oder die Quelle des Bösen, weil wir nicht alles von uns offenlegen?

Eingängig ist mir die Bildbedeutung nicht. Ich denke, ich sollte einmal Presseabteilung des Unternehmens befragen.