Anonymität, Journalismus, Eliten

Im Beitrag vom 10. Januar ging es um zwei von Journalistinnen geschriebene beziehungsweise herausgegebene Bücher zum Thema Anonymität. Beide Werke sind hervorragend, aber die Bemerkungen zum Buch von Christiane Schulzki-Haddouti sind mir dann doch eher kritisch geraten.

Der Grund: „Vom Ende der Anonymität“ wendet sich primär an ein internet-affines und medienkompetentes Publikum, das im Gegensatz zu großen Teilen der Bevölkerung ein recht differenziertes Bild von Werkzeugen hat, die im Web anonyme Kommunikation erlauben und damit als Mittel der informationellen Selbstbestimmung dienen können.

Wenn Sie das jetzt so lesen und in den Beitrag nicht hineingeschaut haben, fragen Sie sich wahrscheinlich, was man daran denn kritisieren kann.

Frage ich mich inzwischen auch.

Der Grund für mein konkretes Missfallen war die generelle Einschätzung, dass sich die Internet-, Technik- und manchmal auch Medienpolitik-Profis zu wenig Mühe machen, ihre Positionen auch solchen potenziellen Rezipienten zu erklären, die nicht in ihrer Welt oder kulturellen Nische leben.  Deshalb schrieb ich, eine Behandlung des Themas wie Schulzki-Haddoutis Buch sei auch „elitär“. Außerdem zog ich ein Beispiel aus der aktuellen Flüchtlingsdebatte heran, um zu zeigen, wie schnell eine Elite an Personenkreisen vorbeidiskutieren kann, die es nicht mehr so einfach schaffen, die Komplexität eines wie auch immer gearteten Phänomens noch vollständig zu fassen. Dazu muss man ja nicht dumm sein – es gibt tatsächlich Sachverhalte und Themen in der modernen Welt, die nur noch für Spezialisten durchschaubar sind.

Man sagt ja, dass es ungefähr zur Goethezeit wirklich umfassend gebildeten Menschen (Elite!) zum letzten Mal möglich war, das gesamte Wissen der Welt ansatzweise vollständig zu erfassen und halbwegs sicher zu bewerten.

Zwei Tage nach meinem Beitrag, am 12.1.2016, kam dann der Auftritt der Legida-Frontfrau Tatjana Festerling in Leipzig und damit der Satz: „Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln.“

Meedia-Bericht dazu

Focus-Mitteilung mit dem selben Thema

Da dreht sich einem angesichts eigener Elitenschelte schon einmal der Magen um.

Andererseits – das, was Tatjana Festerling da macht, ist ja auch deshalb so perfide, weil sie ja selbst als abgebrühter Medienprofi und Demagogin eine Eliteerscheinung ist. Sie biedert sich gezielt Personen an, die ihre Ängste durch Politik und Medien nicht mehr ernstgenommen glauben, und baut dabei ein Feindbild auf: Das von Eliten, die gegen das „Volksempfinden“ abgehobene und schädliche Entscheidungen vorbereiten, durchsetzen und dann medial vertreten – warum auch immer sie das wollen würden.

So lassen (und ließen) sich akademische Diskussionen und Fachdiskussionen natürlich leicht verunglimpfen, und niemand scheint so recht zu wissen, wie mit dem neuen Graben zwischen einer angeblichen „Intellektuellenelite“ und einem als übergangen oder missachtet dargestellten „Volk“ umzugehen ist. Beim letzten „Presseclub“ am Sonntag jedenfalls sagte Peter Pauls vom Kölner Stadtanzeiger sinngemäß (aus dem Gedächtnis zitiert), man müsse in der Flüchtlingsbedatte (um noch einmal dieses weit heiklere Thema heranzuziehen) aufpassen, in Politik und Presse nicht eine ganz andere Diskussion zu führen als in der großen Öffentlichkeit.

Aber muss man das nicht auch tun können?

Ich schließe mich der Ratlosigkeit an – bleibe aber dabei: Bei Themen, die sich noch außerhalb enger Fachkreise verständlich machen lassen, sollten die Spezialisten genau das auch so oft wie möglich versuchen.

In den USA bekommen Wissenschaftler, die allgemeinverständlich schreiben und präsentieren, selbst an den Hochschulen oft Extrapunkte. In Deutschland kann dasselbe Vorgehen den gegenteiligen Effekt haben, selbst wenn die einfachere Darstellungsweise den inhaltlichen Wert einer Arbeit nicht mindert.

Schade.

Anonymität – zwei journalistische Perspektiven

Zwei Bücher aus den Federn renommierter Journalistinnen liegen vor mir auf dem Schreibtisch, die das Thema „Anonymität im Web“ nicht unterschiedlicher angehen könnten. Gerade im Vergleich werfen sie ein interessantes Licht auf die Diskussion des Themas in den Medien und in der Gesellschaft.

Das erste der beiden Werke ist Christiane Schulzki-Haddoutis Beitragssammlung „Vom Ende der Anonymität – Die Globalisierung der Überwachung“. Es erschien im Heise-Verlag unter dem „Telepolis„-Label wohl zuerst im Jahr 2000, ich besitze die zweite Auflage von 2001.

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Christiane Schulzki-Haddouti und ihre Co-Autoren gehen das Thema primär politisch motiviert an und fragen lange vor der Snowden-Ära angesichts zunehmender Überwachung durch Geheimdienste, Strafverfolger und andere machtvolle Institutionen nach den Auswirkungen von Video- und Internetüberwachung auf den Bürger und damit auf Freiheit und Demokratie.

Dass Menschen zuweilen Dinge zu verbergen haben – etwa Informationen über eigene Erkrankungen oder übe persönliche politische Einstellungen in totalitär regierten Umgebungen – gilt den Autoren als gegeben, und die Möglichkeit der anonymen Kommunikation und Informationsbeschaffung sehen sie deshalb als massiv bedrohte, aber notwendige Instrumente der Informationellen Selbstbestimmung und des Datenschutzes an. Der Grundton des Buches ist eher pessimistisch. Florian Rötzer etwa spricht von einem „Grundrecht auf Anonymität“ und und legt dann dar, wie sehr es unter Beschuss stehe.

Snowdens Enthüllungen darf man durchaus als Bestätigung der im Buch vorgetragenen Positionen sehen.

Das zweite Buch ist Ingrid Brodnigs „Der unsichtbare Mensch – Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert“. Dieses Buch ist im Czernin Verlag, Wien, 1913 erschienen, also mehr oder weniger zeitgleich zu den Snowden-Veröffentlichungen.

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Ingrid Brodnig startet ganz anders: beim Phänomen des Cyber-Mobbings und der rüden Umgangsformen in anonymen Webforen. Sie zeigt, wie die Möglichkeit zur anonymen Meinungsäußerung im Internet auch dazu führen kann, dass sich unreflektierte, extremistische Äußerungen leichter verbreiten als ohne diesen Kanal oder dass Individuen ungestraft massiv angegriffen und herabgesetzt werden können. Für die Autorin ist die Anonymität im Internet ein neues Phänomen, das möglicherweise die Gesellschaft negativ beeinflusst. Am Ende diskutiert sie aber auch die Vorteile der Chance zur anonymen Meinungsäußerung im Web und zeigt Möglichkeiten auf, die Anonymität als Option beizubehalten und negative Auswirkungen dennoch zu begrenzen.

Hier geht es mir zunächst um die Ausgangspunkte der beiden Autorinnen und die daran knüpfenden Argumentationsstrukturen.

Christiane Schulzki-Haddoutis Buch ist fundiert und wichtig, die Autorin hat nicht umsonst Preise für die dem Buch zugrundeliegende Berichterstattung gewonnen. Aber das Werk nimmt die Perspektive einer extrem medienkompetenten, publizistisch geübten, interneterfahrenen und politisch aktiven Elite ein, deren Akteure sich außerdem sicher sein können, zumindest einen gewissen Einfluss auf die politische Kultur ausüben zu können. Hierin sind die Autoren kurioserweise den Apologeten der Transparenzgesellschaft wie David Brin und Christian Heller ähnlich, die in Sachen Informationelle Selbstbestimmung zwar zu diamatetral entgegengesetzten Forderungen kommen, aber ebenfalls nur für eine Welt publizistisch und medial erfahrener und aktiver Menschen schreiben.

Nehmen wir einmal an, ich würde einen kleinen Rezeptionstest machen und „Vom Ende der Anonymität“ einer Reihe älterer Verwandter und Bekannter vorlegen, mit denen ich häufiger zusammentreffe. „Älter“heißt beispielsweise: 72, 77 und 84. Hier im platten Münsterland gern auch 10 Jahre jünger, man hinkt hiesigen Ortes der modernen Welt doch etwas  langwieriger hinterher als anderwso.

Die Reaktion wäre wahrscheinlich: keine. Anonymität im Internet und die politischen Implikationen, ja die ganze hier vorgetragenen Abstraktionsebene der Internetnutzung  wären den meisten Probanten aus meinem Testpersonenkreis so fremd, so obskur und so weit hergeholt mit ihren Brückenschlägen zwischen individuellen Interessen und dem Agieren von Geheimdiensten und internationalen Strafverfolgern , dass sie das Buch als Produkt einer freakigen Parallelwelt ansehen würden: „Das geht uns doch nichts an. Weiß ich nicht, was die da wollen. Diese Anonymität, das ist doch was für diese Hacker und Pädophile“.

Dagegen anzuargumentieren wäre dann genau so zum Scheitern verurteilt wie der jüngst miterlebte Versuch einer juristisch und politologisch vorgebildeten Person, auch nach den frauenfeindlichen Ausschreitungen in Köln zur Silvesternacht vor der gleichen Clientel noch gegen stammtischmäßige Forderungen nach Schnellabschiebung für straffällig gewordene Flüchtlinge zu plädieren, weil man in Deutschland doch endlich einen erprobten und gut funktionierenden Rechtsstaat habe, der sich für Urteile glücklicherweise Zeit nehme und nicht in unselige Praktiken vergangener deutscher Dunkelzeiten unterschiedlicher Ausprägung verfalle. „Ach, jetzt komm‘ mir nicht wieder mit Nazis und Stasis, da muss man doch was tun, ihr labert immer nur, was Du da sagt ist doch nichts für uns normale Leute! Die müssen raus, sofort!“

Eine der ersten unangenehmen Wahrheiten, die ich als Politikstudent einst lernen musste, ist, dass man so etwas als wahrhaftig politisch engagierter Mensch nicht abtun oder zum Anlass nervöser Zuckungen oder baldiger Auswanderung nehmen darf. Wohin auch? Wo gibt es das nicht? Äußerungen der wiedergegebenen Art scheinen auf irrationalen Ängsten und Gedanken zu beruhen und dumm zu sein, sind vor dem begrenzten Horizont, auf dem sie entstehen, aber eben doch rational. Wer hat „Schuld“ oder muss sich „dumm“ nennen lassen, wenn er etwas nicht kennt, weiß oder versteht und deshalb Angst davor verspürt und dagegen vorgehen will? Den Menschen, die so reden, nicht mit nachvollziehbaren Antworten zu entgegenzukommen, ist fahrlässig und: elitär und arrogant. Das heißt aber nicht im Gegenschluss, dass man sich Personen, die auf dem entsprechenden Niveau argumnetieren, nun anbiedern und die eigene Meinung verbiegen solle. Aber etwas mehr Mühe beim Erklären komplexer Sachverhältnisse könnten sich speziell manche Akteure der IT- und Internet-Szene schon geben.

So, wie komme ich von dieser hochtrabenden Schreibe nun wieder zu Ingrid Brodnig?

Ganz einfach, ihr Buch würde meinen halbgaren Rezeptionstest vermutlich verstehen. Von „Cybermobbing“ hätten viele, die noch unmittelbar oder mittelbar Kontakt zur Welt moderner Teenager haben, vielleicht schon etwas gehört. Anderen hätte das Fernsehen die Thematik nahegebracht, und zwar nicht automatisch auf schlechte Weise. Wieder andere hätten schon hier und da davon gelesen, wie schwierig es ist, etwa als Unternehmen oder Arzt gegen eine (wirklich?) unberechtigte schlechte Beurteilung durch anonyme „Kunden“ im Web vorzugehen. Und ein gar nicht so kleiner Teil ist wahrscheinlich schon selbst im Web auf die eine oder andere unzivilisierte Hasstirade gestoßen und hat sich davor erschrocken. All das ist aus der Sicht des „normalen“ Bürgers wohl deutlich konkreter als die diffuse Schnüffelei der berühmten Drei-Buchstaben-Organisationen, die doch nur „Verbrecher“ und „diese Journalisten und so“ betreffen kann…

„Der unsichtbare Mensch“ geht von einem Phänomen und von Geschichten aus, die viele Menschen berühren, und wägt Einschätzungen ab, über die auch jenseits der Internet-Eliten leichter Einverständnis und eine breitere Argumentationsbasis zu erzielen sind als über den abstrakten Ansatz des Schulzki-Haddouti-Buches.

Deshalb ist Brodnigs Buch aber nicht seichter oder unreflektierter. Die Autorin spricht auch die Vorteile anonymer Kommunikation – wie erwähnt – sehr wohl an und zeigt – wie ebenfalls erwähnt- sogar konkrete Ansätze auf, wie man diese Vorteile auch dann erhalten kann, wenn man gegen ausufernde Pöbeleien und Hetze unter dem Mantel der Anonymität aktiv vorgeht. Etwa, indem man ein anonymes Forum so betreibt, wie es die Wochenzeitung „Die Zeit“ offenbar tut.

Deshalb ist Ingrid Brodnigs Buch für mich hier erst einmal interessanter.

Darüber hinaus sei schon einmal verraten, dass es eine ganze Reihe Anknüpfungspunkte zur venezianischen Anonymitätskultur bietet, auch wenn die Autorin letztere in ihren Ausführungen nicht erwähnt. Um diese Anknüpfungspunkte wird es nun in den folgenden Beiträgen gehen.

Nichts Substanzielles – aber im Kreis

Ich glaube, es war der Autor des Seppologs, der sich irgendwann einmal ausführlich über Blogger amüsiert hat, die übers Bloggen bloggen und vor allem übers eigene Bloggen. Blogblogging sozusagen. Überflüssig. Oder nicht?

Egal, jedenfalls hat er mich damit animiert, ausnahmsweise auch einmal selber zu blogbloggen. Heute nämlich wollte ich eigentlich etwas Weiterführendes schreiben – entweder über zwei einander gänzlich entgegengesetzte Perspektiven des journalistischen Betroffenseins über den aktuellen Zustand der Anonymität im Web oder über neue Ansätze der Ethik des Datenschutzes. Jawohl. Hochintellektuell! Alles schon im Kopf. Aber jetzt, 20.40 Uhr, eben doch nicht im Web.

Unglücklicherweise habe ich nämlich vorher einmal ein wenig im eigenen Gerümpel herumgelesen und dabei festgestellt, dass diverse Links in älteren Elaboraten nicht mehr stimmten. Dummerweise handelte es sich dabei nicht um kurzlebige Verweise in alten echten Blogbeiträgen, sondern um Links auf jenen statischen „Seiten“, die zur Einführung in den Blog oder zu dessen wissenschaftlicher Fundierung dienen – „Historischer Hintergrund“ und „Quellen„.

Der Spruch: „Das Internet vergisst nichts“, ist Blödsinn. Das Internet vergisst zwar keinen redundanten Quatsch, aber dafür mit rasanter Geschwindigkeit seine wertvollsten Inhalte. Gut – das ist jetzt auch übertrieben, aber von genau jenen Quellen, die ich „für alle Ewigkeit“ zum Beweis anführen wollte, dass ich nicht puren Unsinn rede, waren eine ganze Reihe entweder ganz im digitalen Nirvana verschwunden oder unbekannt verzogen.

Die gute Nachricht ist, dass jetzt fast alles wiedergefunden oder ersetzt ist und somit stimmt – für einen unbekannten Zeitraum von vermutlich x Minuten.

Die weniger gute und weitaus interessantere Nachricht ist, dass ich übers Nachverfolgen der Links ins Lesen alter Quellen geraten bin und dabei über eine so begeistert war, dass ich beinahe einen längst vorhandenen Beitrag noch einmal geschrieben hätte. Ich war sehr überrascht, dass die neuen Ideen nur aufgewärmter Kram waren.

Das gibt mir zu denken. Ich sollte mal nachlesen, ob ich schon längst im Kreis argumentiere. Aber dazu schreibe ich jetzt nichts. Denn vielleicht habe ich das ja schon. Ich sollte mal nachlesen, ob ich schon längst im Kreis argumentiere. Aber dazu schreibe ich jetzt nichts. Denn vielleicht habe ich das ja schon. Ich sollte mal nachlesen, ob ich schon längst im Kreis argumentiere. Aber dazu schreibe ich jetzt nichts. Denn vielleicht habe ich das ja schon.Ich sollte mal nachlesen, ob ich schon längst im Kreis argumentiere. Aber dazu schreibe ich jetzt nichts. Denn vielleicht habe ich das ja schon…

Die Firefox-Maske

Komisch, wie oft habe ich die „privaten Fenster“ im Firefox-Browser jetzt schon benutzt? Keine Ahnung, sehr häufig jedenfalls. Aber bisher nie darauf reagiert, dass die Macher der Software für ihre Browsen-ohne-Spuren-Funktion eine Maske als Symbol verwenden.

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So kündigt ein englischer Firefox den Wechsel in den „Ich-habe-jetzt-etwas-zu-verbergen“-Modus an, danach zeigt eine winzige kleine Maske im Fensert oben rechts, dass die Funktion noch aktiv ist – ganz ähnlich dem Schloss-Symbol, das eine verschlüsselte HTTPS-Verbindung zur Zielseite markiert.

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Diese Symbolik ist durchaus eine Erwähnung wert, denn Masken haben im Umfeld von Informationssicherheit und Datenschutz sonst eher ein schlechtes Image und müssen immer wieder als Kennzeichen der Internet-Kriminellen herhalten. In den Randbemerkungen aus Nizza hatte ich dazu schon ein paar Sätze geschrieben.

Vielleicht ändert die Firefox-Symbolik ja ein bisschen daran. Die Maske taucht nämlich in einem Zusammenhang auf, der sich vielen PC-Benutzern viel leichter erschließt als die irgendwie abstrakt und irreal wirkende Gefahr, durch Geheimdienste, Großkonzerne, Versicherungen oder irgendwo auf der Welt lauernde Kreditkartendiebe abgehört zu werden: „Wenn ich die Firefox-Maske aufsetze, bekommt der nächste Benutzer am PC (Papa, Mama, Ehegesponst, Mitbewohner(in)…) nicht mit, was ich mir angesehen habe, weil keine Relikte im Browserverlauf oder sonstwo zurückbleiben!“ Das ist doch schon einmal etwas, wenigstens ein Anfang für ein rudimentäres Datenschutz-Bewusstsein.

Wie viele Besitzer dann aber auch wissen, dass ihnen der Masken-Modus nichts nützt, wenn sie aus dem privaten Fenster heraus zweifelhaftes Zeug auf der Festplatte ablegen, darüber mag ich nicht weiter nachdenken.

Darauf, dass der Maskenmodus nichts daran ändert, dass die Verbindung zwischen dem Browser und der Zielseite an irgendwelchen Zwischenknotenpunkten abgehört werden kann, weist ja immerhin der Eingangsbildschirm des „privaten Fensters“ hin – und zwar in der deutschen Version des Firefox-Browsers noch deutlicher als in der englischen. Außerdem wird hier ausdrücklich erwähnt, dass Speicherbefehle des Anwenders nach wie vor ausgeführt werden.

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Möge das als Awareness-Maßnahme genügen…

 

Anonymizer unter der Motorhaube

Die Autos der Zukunft sollen nicht nur selbst fahren können, sondern auch miteinander kommunizieren. Etwa, um dem nachfolgenden Gefährt auf der Autobahn rechtzeitig Bremssignale zu übermtteln und so die Gefahr von Auffahrunfällen zu reduzieren, gleich ob hinten ein Mensch oder ein Computer lenkt.

Wohin das vielleicht führt, lesen Sie hier: Klick.

Über diesen Blog-Beitrag habe ich mich so lange köstlich amüsiert, bis ein Kollege mit Erfahrung in der Auto-Netzwerkwelt einen Blick auf meinen Dienstwagen warf und ganz beiläufig bemerkte: „Ach, der könnte ja auch schon selber fahren, ist vielleicht nur noch nicht freigeschaltet. Ich sehe das an dem Auge da oben!“ Und er deutete auf einen unscheinbaren senkrechten Schlitz im Vorbau des Innenspiegels, von außen gesehen hinter der Windschutzscheibe.

Seitdem hege ich ein gewisses Misstrauen gegen mein Gefährt, schaue es möglichst nicht von vorn an, spreche sehr höflich mit dem Navi und leihe mir ansonsten, wenn irgend möglich, den alten Jeep meiner Frau. Der hat als Gipfel der Digitaltechnik eine elektonische Einspritzanlage eingebaut, deren rudimentärer Fehlerspeicher das absolut einzige kommunikationsfähige Gerät an Bord ist. Und selbst das lügt, haben uns schon zwei entnervte Automechaniker versichert. Gut so.

Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Hier geht es darum, dass die Designer und Sicherheitsspezialisten der künftigen Auto-zu-Auto-Kommunikation tatsächlich den Einbau von Anonymizern wie IBMs „Idemix“ planen. Stephan Holtwisch hatte diesen Aspekt erwähnt, als wir auf der Konferenz „Die Zukunft der informationellen Selbstbestimmung“ zu Einsatzchancen für Anonymizer in der modernen westlichen Kultur referierten. Offensichtlich macht man sich Sorgen, dass sich die zunehmend intelligenten Autos irgendwann auf der Straße wiedererkennen und dann Freund- und Feindschaften pflegen, sich quer durch Deutschland jagen, fremde Fahrdaten ohne Erlaubnis der Betroffenen der Polizei und den Versicherungen petzen oder – siehe oben – sich über ihre jeweiligen Besitzer lustig machen. Offiziell klingt das nüchterner: Man will gegenseitige Profilbildung bei der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation ausschließen, wenn diese zum unkontrollierbaren Informationsaustausch über die Benutzer und damit zu Datenschutzverletzungen führen könnte. Das ist ein Aspekt, mit dem es die Entwickler des „Internets der Dinge“ wohl noch häufiger zu tun bekommen werden.

Das Spannende daran: Hier, im Versteckten, wo sie sie gar nicht bemerkt, wird die breite Öffentlichkeit Anonymizer wohl eher akzeptieren als in Form persönlicher, bewusst eingesetzter Werkzeuge. Verkehrte Welt.

Anonymizer und die „Zukunft der informationellen Selbstbestimmung“

Am 26. November 2015 waren Bettina Weßelmann, Stephan Holtwisch und ich als Referenten zu Gast auf der „Interdisziplinären Konferenz – Die Zukunft der informationellen Selbstbestimmung“ in Berlin. Unsere Aufgabe: Wir wollten darstellen, ob und gegebenenfalls wie „Anonymizer“ wie Tor in unserer westlichen Internet-Kultur als Mittel der informationellen Selbstbestimmung funktionieren können.

Wir griffen dazu zum Mittel des Kulturvergleichs.

Ausgangspunkt – mein Part – war die Anonymitätskultur im alten Venedig, wie sie Thema dieses Blogs ist. Bauta und Tabarro funktionierten dort als anerkannte Anonymizer ja geradezu prächtig.

Bettina zog die Vergleiche zu unserer Web-Welt und kann zu eher pessimistischen Resultaten: Nicht nur die Komplexität von Tor & Co., sondern auch die eher abwehrende Haltung unserer Kultur zur anonymen Kommunikation, die schwach ausgeprägte rechtliche Rückendeckung und die mangelnde Übung im Umgang mit anonymen Auftritten stellen Barrieren beim Einsatz von Anoymizern in der breiten Öffentlichkeit dar.

Stephan schließlich befasste sich mit dem Einsatz von Anonymizern in Wirtschaft und Technik – mit einem Sektor also, den man in diesem Zusammenhang eher selten betrachtet, in dem der Einsatz von Anonymisierungsmitteln aber durchaus gerechtfertigt ist und zuweilen gerade deshalb funktioniert, weil ihn niemand so richtig bemerkt.

Hier ist die Präsentation zum Nachlesen.

Zu den „versteckten Anonymizern“ und anderen Aspekten der  Veranstaltung folgen demnächst weitere Beiträge.

Ein Paradies für Feiglinge … auch!

Monatelang ist der vorhergehende Blog-Beitrag schon online, es war wohl kein gutes Jahr.

Um zunächst einmal die Gedanken vom März wieder aufzunehmen: Damals fand ich keine Zeit, die zitierte „Um-Himmels-Willen“-Folge noch irgendwo anzusehen. Der Sender war aber so freundlich, mir auf Anfrage das Drehbuch zuzusenden.

Den Beißreflex beim Aufschnappen des Dialogfetzens hätte ich mir sparen können. So seifenoperhaft das ganze Serien-Setup auch sein mag, das Thema „Cybermobbing“ wurde hier durchaus adäquat und zielgruppengerecht durchgespielt. Und der Polizistenkommentar, nachdem das Internet ein Paradies für Feiglinge sei, trifft eben genau die hier betrachtete Facette der Anonymität im Internet: eine böswilligen Aktion zur Herabsetzung einer anderen Person. Mit all den verworrenen Hintergründen und Gründen, die solch einem Ausraster gewöhnlich vorhergehen.

In der Anonymität des Internets verstecken sich Feiglinge, aber Schüchterne finden darin zugleich ihren Raum zum offenen Gedankenaustausch. Die Namenslosigkeit schützt Verbrecher, aber auch von verbrecherischen Regimen verfolgte Menschen. Nicht diese Ambivalenz ist wohl das Problem, sondern die Tatsache, dass bei der Diskussion darüber die Radikalpositionen so häufig den Ton angeben.

Ein Paradies für Feiglinge?

17.3.2015, 20.35 am Abend, ein Fernseher läuft, niemand schaut hin. Ich stehe zufällig in der Nähe. Ein paar Sätze lassen mich aufhorchen, leider kann ich sie jetzt nicht mehr exakt wiedergeben. Es war ungefähr so: „…im Internet ist man fast immer anonym. Deshalb benutzen das solche Leute dafür. Ein Paradies für Feiglinge!“ Über den letzten Satz bin ich mir sicher. Ich sehe noch, dass dies ein Polizist zu einer Nonne sagt. Außerdem taucht kurz danach Fritz Wepper auf. Leider kann ich nicht verfolgen, wie es weitergeht.

Jetzt ist es 21.35, und ich schaue ins Internet, was ich da eigentlich gesehen habe. Es handelt sich um die Folge 179 der Serie „Um Himmels Willen“ im Ersten. Stories um ein Kloster und einen Bürgermeister und einen kleinen Ort. Die Folge hat etwas durchaus Aktuelles thematisiert: Nacktfotos eines Mädchens kursieren im Internet, sie wird deshalb gemobbt. Man vermutet dahinter den Ex-Freund. Die Nonnen wollen ihr helfen, doch die Eingriffsversuche machen zumindest anfangs alles nur noch schlimmer.

Mehr verrät mir der Webauftritt des Ersten nicht. Mag sein, dass man das Thema durchaus adäquat behandelt hat. Mag sein, dass die Polizistenaussage gar nicht so stehengeblieben ist. Mag sein, dass ich mich also gar nicht ägern darf.

Falls doch – dass man das mit Anonymität auch andersrum sehen kann, wurde hier schon behandelt: Anonymität als Schutz für die Schüchternen. Und jetzt muss ich die Serienfolge im Internet wohl nachträglich anschauen. Um Himmels Willen..,

David Brins „Transparente Gesellschaft“

Habe begonnen, David Brins schon 1998 erschienenes Buch „The Transparent Society“ zu lesen – ein engagiertes Plädoyer für eine Gesellschaft, in der nichts verborgen bleibt und alle Akteure sich gegenseitig überwachen. Masken jeglicher Art mag der Autor gar nicht, auch keine Verschlüsselung, all dies ist für ihn negativ besetzt. Er glaubt, dass eine allgegenwärtige, nicht exklusiv einer Steuerungsinstitution zugängliche, gegenseitige Kontrolle massiv zur Verbesserung der Lebensbedingungen beiträgt, weil sie wie ein Immunsystem auf alle Fehler und Missbrauchsversuche innerhalb der Gemeinschaft reagiert und Verantwortung und Rechenschaftspflicht durchsetzt. Kreatives Anderssein ist für ihn das, was jeder Mensch will, und die jederzeit mögliche Kritik durch andere Menschen das Mittel der Wahl, unter diesen Umständen jeden Einzelnen in den Schranken sozialverträglichen Verhaltens zu halten.

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Brins Buch ist eine der wichtigen Grundlagen für Christian Hellers Überlegungen, die hier schon Thema waren.

Was bei Brin auffällt, ist, dass sein durchaus faszinierendes Gesellschaftsmodell fast ausschließlich aktive, medienkompetente und einflussreiche, immer wache und auseinandersetzungsbereite Akteure kennt, die permanent ihre Position und mögliche Bedrohungen im Auge haben und in ihrer kommunikativen Internetwelt unmittelbar auf Angriffe reagieren können oder zumindest in der Lage sind, ihr Bild innerhalb der Gemeinschaft aktiv zu formen.

Das Weltbild eines aktiven Bloggers und Publizisten?

Kranke, temporär oder langfristig hilflose, in Sachen Medien weniger begabte, unterdrückte oder einfach nur schüchterne Personen, die von einer Maskierung profitieren könnten und vielleicht gerade unter dem Schutz einer Maske erst an der offenen Diskussion teilzunehmen vermögen, kommen bei ihm nicht vor – und auch kaum die Überlegung, dass Kreativität hin und wieder Zurückgezogenheit braucht, vom Spiel mit Identitäten und Rollen profitiert und andererseits durch permanente Kritik vielleicht auch einmal blockiert wird.

Zumindest nach etwa einem Drittel des Buches ist dies mein Eindruck. Mal sehen, ob dies noch zu revidieren ist, aber das Phänomen an sich war ja schon Thema in der Diskussion mit Heller. Das Konzept der transparenten Gesellschaft jedenfalls fasziniert noch immer!

Identitätsmanagement, Datenschutz und Pseudonyme

Viele moderne Organisationen müssen aus Sicherheits- und Compliance-Gründen, also aufgrund von sicherheitsbezogenen Industrienormen wie etwa ISO 27001 und PCI DSS, ein stringentes Identitätsmanagement Ihrer Anwender vorweisen können. Bei Unternehmen sind dies die Mitarbeiter, die Zugang zur Informationstechnik haben. Es soll dabei jederzeit klar nachweisbar sein, welcher Anwender wann auf welche sicherheitskritischen Daten zugegriffen hat. Ist dies nicht der Fall, bekommt ein Unternehmen beispielsweise kein Zertifikat, um aktiv am internationalen Zahlungsverkehr mittels Kreditkarten teilnehmen oder in diesem Bereich Dienste anbieten zu können.

Wenn diese Vorschriften mit den Vorgaben des Mitarbeiterdatenschutzes kollidieren, lässt sich firmenintern recht gut mit Mitteln wie dem Vier-Augen-Prinzip eine Balance zwischen den jeweils unterschiedlichen Anforderungen und Schutzzielen herstellen: Zugriff auf die Protokolldaten, die die Aktionen der Mitarbeiter festhalten, ist dann beispielsweise nur dann erlaubt, wenn auch ein Mitglied der Arbeitnehmervertretung oder der Datenschutzbeauftragte nachweislich anwesend sind.

Schwierig wird dies, wenn ein Unternehmen nun seinerseits fremde Systeme einsetzt, die ihm via Internet-Verbindung zur Verfügung gestellt werden. Dies kann etwa eine „Cloud“-Lösung für Abrechnungszwecke sein, die das Unternehmen selbst nicht anschaffen will. Die Datenschutzvorgabe, die persönlichen Informationen über die eigenen Mitarbeiter und ihr Tun auch in diesem Fall gegen unfaire Auswertung zu sichern und in einem vom lokalen Datenschutzrecht begrenzten Rahmen zu halten, lässt sich innerhalb solch eines Konstrukts kaum noch erfüllen – vor allem dann nicht, wenn das angemietete System außerhalb der Grenzen des eigenen Kultur- und Rechtsraums angesiedelt ist.

Was also tun?

Die internationale Sicherheitscommunity entdeckt hier plötzlich das lange Zeit eher ungeliebte Prinzip der „Pseudonymität“ wieder, wie dieser Beitrag auf Computerweekly.com zeigt. Jeder Organisationsangehörige, der den externen Service benutzt, tritt dort mit einem von seiner eigenen Organistaion aufgesetzten Pseudonym und einem Satz an Rechten auf, die seiner Rolle im Business-Prozess entsprechen. Die Unternehmen werden in ihrem Bereich zu Identitätstreuhändern und Datenschutz-Garanten, aber auch Reputationsgaranten ihrer Mitarbeiter gegenüber dem externen Dienst. Wenn dieses Verfahren Schule macht, wird es im Internet bald deutlich mehr Akteure geben, die zumindest ihren direkten Kommunikationspartnern gar nicht mehr bekannt sind.

Die venezianischen Bautaträger und ihr Verhältnis zum venezianischen Staat lassen sich damit kaum vergleichen, schon allein weil dort keine unterschiedlichen Masken an sich wieder individuelle Pseudonyme erzeugten, sondern eine immer gleiche generische Rollenmaske verwendet wurde. Vergleichbar ist allerdings, dass auch hier die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe den „Maskenträgern“ Reputation verschaffte, und dass das Recht zum Verbergen der eigenen Identität an ein korrektes Verhalten in einem vorgegeben Rahmen gebunden war. Was in Venedig fehlte und worauf man bewusst verzichtete, war die ständige, zuverlässige Zurechenbarkeit individueller Handlungen unter der Maske, die das moderne Pseudonymitätskonzept unbedingt durchsetzen will.