Wie geht es weiter?

Der “Bauta”-Blog ist nach dem Hack 2011 wieder hergestellt, und ein paar neue Artikel  sind geschrieben. Zeit, einen kleinen Plan für die nächsten Vorhaben aufzustellen. Folgene Fragen möchte ich zuerst angehen:

  • Wie passt das Bauta-Anonymitätskonzept zu bekannten sozialwissenschaftlichen und philosophischen Konzepten des „privaten“ und „öffentlichen“ Lebens?
  • Wie unterscheiden sich Anonymitätskonzepte für geschlossene Internet-Communities von denen, die das ganze Internet im Blick haben? Wozu würde die Bauta passen?
  • Ist die Idee einer „Internet-Netiquette“ etwas, das sich mit dem „Gentleman-Faktor“ des Bauta-Gebrauchs vergleichen lässt?

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Pseudonymität oder Anonymität?

Bietet die Bauta als Maske nun eigentlich Pseudonymität oder Anonymität?

„Das Pseudonym (griechisch ψευδώνυμος, -ον, psevdónymos) ist ein fingierter Name eines (oder mehrerer) Urheber von Artefakten zur Verschleierung der Identität, der anstelle von den wirklichen (bürgerlichen oder Adels-) Namen verwendet wird“ (Wikipedia).

Anders als im Englischen wird der Begriff „Pseudonym“ offenbar deutlich auf den Bereich der künstlerischen Tätigkeit eingeengt.

„Anonymität ist der Zustand, wenn eine Person, eine Gruppe, eine Institution oder eine agierenden Struktur nicht identifiziert werden kann“ (Wikipedia).

Letzteres passt. Helfen die Begriffe „Anonymisierung“ und „Pseudonymisierung“ aus dem Sektor der IT-gestützten Datenverarbeitung vielleicht noch ein wenig weiter?

„Die Anonymisierung ist das Verändern personenbezogener Daten derart, dass diese Daten nicht mehr einer Person zugeordnet werden können. Bei der Pseudonymisierung wird der Name oder ein anderes Identifikationsmerkmal durch ein Pseudonym (zumeist eine mehrstellige Buchstaben- oder Zahlenkombination, auch Code genannt) ersetzt, um die Identifizierung des Betroffenen auszuschließen oder wesentlich zu erschweren“ (Wikipedia).

Das ist wahrscheinlich zu spezifisch. Ich nenne die Bauta erst einmal weiterhin ein „Anonymisierungsmittel“, weil ihr Träger keinen anderen individuellen Namen annimmt, sondern in eine generische und vordefinierte Rolle schlüpft.

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Signora Maschera war ein Gentleman

Offenbar hielt sich der Missbrauch der venezianischen Gesellschaftsmaske immer in einem sozial erträglichen Rahmen, sonst hätten die Venezianer an ihr nicht festgehalten bis schließlich die Österreicher in Italien einmarschierten und die Politik und Kultur der Inselstadt grundlegend änderten. Ein kleines Rätsel ist es dabei schon, dass das Anonymisierungsmittel “Bauta” so gut funktionierte, denn eine Gelegenheit zum anonymen Handeln bedeutet immer auch eine Versuchung zu antisozialem, egoistischem Verhalten. M.E. Kabay etwa verweist in Anlehnung an die Deindividuationstheorie darauf, dass praktische Anonymität Unhöflichkeit, Unehrenhaftigkeit und aggressives Benehmen fördern kann und der Selbstreflexion entgegenwirkt (seinen Essay finden Sie unter den Quellen).

Ich habe schon erwähnt, dass einer der Gründe für die geringe, durchaus tolerierbare Missbrauchsrate der Bauta in der Tatsache begründet liegt, dass die Venezianer als Maskenträger den Regeln und Erwartungen der Gesellschaft eben nicht entgingen. Außerdem konnten, was allerdings eine extreme Maßnahme gewesen sein dürfte, im Fall der Fälle recht einfach demaskiert werden. Man sollte vielleicht aber noch etwas bedenken, wenn man sich fragt, warum die Venezianer auch als Maskenträger ihre guten Manieren behielten: Mit dem Anziehen der Bauta verließen sie ihre individuelle Existenzform und spielten stattdessen die Rolle eines idealtypischen Stadtadeligen.

Bauta - Carnevale Venezia 2011

Bild: Fotolia.com, Gloria Guglielmo
 

Die Rolle der „Signora Maschera“ war nicht nur, wie schon erwähnt, generischer Natur und vordefiniert, sondern verlangte auch, sich im Verhalten dem idealisierten Modell eines noblen Patriziers anzunähern. Hier gibt es sicherlich Parallelen zu alten Vorstellungen vom „perfekten Gentleman“ mit seinem perfekten Stil und ausgefeilten Manieren. Bei Karbe und Toscani (siehe Quellen) finden sich Hinweise darauf, dass sich venezianische Bauta-Träger bewusst höflich und ritterlich gaben und dass sie Wert darauf legten, sich in der Maske elegant zu bewegen und auch in ihrer Kommunikation mit den Mitbürgern so elegant wie möglich zu wirken.

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Hedonistisch, unmoralisch und gefährlich?

Über Jahrhunderte wurde der venezianische Lebensstil als hedonistisch und unmoralisch gebrandmarkt. Für Fremde waren vor allem der Karneval und die Tatsache, dass so viele Venezianer Masken trugen, Grund genug für Verdächtigungen. Jemand, der eine Maske trägt, muss doch etwas zu verbergen haben, dachten sie, und was würde eine Person schon verbergen wollen wenn nicht etwas Verbrecherisches oder Unmoralisches?

Mario Belloni drückt es heute etwas freundlicher aus, aber die grundsätzliche Wertung der venezianischen Kultur ist immer noch dieselbe wie in der Vergangenheit: ‚Sie waren Kaufleute, Abenteurer, die jeden Tag den eigenen Besitz und oft auch das eigene Leben auf Schiffen aufs Spiel setzten, die Kurs auf den geheimnisvollen Orient nahmen. Piraten, Unwetter, Angriffe feindlicher Flotten, unbekannte Länder: Geheimnis und Abenteuer! Und dieser Menschenschlag kam nicht einmal in der Stadt, in Venedig, zur Ruhe. Das Abenteuer war untrennbar mit ihrer Lebensweise verbunden. Und aus diesem Grunde schuf man eine Stadt, die jede Art von Abenteuer bot, und das in jeder Hinsicht! Der Karneval und die Masken stehen überall für die Umkehrung der Regeln und bedeuten völlige Handlungsfreiheit. Durch sie verborgen ist alles machbar, jedes Abenteuer ist von neuem möglich, und das auch in der Stadt, inmitten der Institutionen, trotz der Gesetze und moralischen Gebote, wie streng sie auch immer sein mögen. Und so kommt es, daß der Karneval über die eigenen Grenzen tritt und die Maske Einzug hält ins tägliche Leben. In bestimmten Umgebungen wurden die Masken sogar gesetzlich vorgeschrieben! Das Glücksspiel (ein schönes Beispiel für das Abenteuer in der Stadt) war so etwas wie ein „Nationalsport“ in Venedig, aber im staatlichen Spielkasino (dem „Ridotto“) konnte man nur maskiert spielen.‘

Sicherlich ist an dieser Erklärung etwas Wahres. Wer die deutsche Stadt Köln während des Karnevals besucht, wird vermutlich bestätigen können, dass diese Art Fest auch dazu da ist, Dinge zu tun, die man sonst nicht wagen würde. Dennoch ist Bellonis Erklärung, warum die Venezianer Masken trugen, wahrscheinlich zumindest teilweise falsch. Nach der Lektüre der Bücher von Karbe und Toscani (siehe „Quellen“) gehe ich davon aus, dass speziell der Gebrauch der Bauta einen ernsthafteren und durchdachteren sozialen und politischen Hintergrund hatte. Die Venezianer hatten ein sehr gutes Verständnis davon, wozu Anonymität gut sein konnte. Und, was besonders wichtig ist, ein Bürger oder eine Bürgerin, der oder die in Venedig eine Maske trug, entkam nicht Recht und Gesetz. Natürlich konnte eine maskierte Person etwas unternehmen, wovon sie nicht wollte, dass es ihr von anderen zugerechnet wurde, aber ihr Verhalten musste sich dennoch im Rahmen bestimmter Erwartungen und geschriebener Gesetze bewegen. Mit Bauta und Volto maskierte Venezianer waren nicht auf antisoziales Verhalten aus.

Für Menschen älterer Generationen mag das Internet-Leben der „Digital Natives“ ähnlich verdächtig aussehen wie das Leben der alten Venezianer aus Sicht fremder vergangener Kulturen ihrer Zeit. Ironischerweise hat ja selbst das „Piratentum“ wieder eine neue Bedeutung als Kernthema. In beiden Fällen missverstehen Kritiker eine Kultur, die die Vorteile der Anonymität verteht und damit umzugehen weiß. Das ist eines der Themen, mit denen ich mich in Zukunft befassen möchte.

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Gedanken über Privatsphäre und Datenschutz

in seinem Blog www.metaphorous.com hat Wilhelm Greiner 2010 ein paar interessante Gedanken über Privatsphäre und Datenschutz im Zeitalter der sozialen Medien veröffentlicht. Später verschwand der Blog aus dem Web, aber das Internet-Archiv bewahrt ihn in der Wayback-Machine auf. Der Eintrag findet sich hier. Aus Wilhelms Sicht gibt es für eine Person, die datenschutzbewusst agiert, vier mögliche Haltungen zu den modernen sozialen Medien:

  1. „Lifecasting“ – ich, mein Leben und alles damit Verbundene soll online sein. Selbstmarketing ist wichtiger als die Privatsphäre.
  2. Völlige Ablehnung – über mich soll online niemals etwas zu finden sein. Privatsphäre und Datenschutz gehen mir über alles.
  3. Genaue Kontrolle bis ins Detail  – jedes Bit, das etwas über mich aussagt, unterwerfe ich einer Risikoabwägung, bevor ich es im Internet veröffentliche.
  4. Mein Social-Media-Stream als permanente Bewerbung – wann immer ein potenzieller Arbeitgeber Informationen über mich findet, soll er den richtigen Eindruck bekommen.
  5. Rollenspiel oder “Alias”-Modus – ich stelle sicher, dass mein Online-Leben so wenig wie möglich mit meinem realen Leben übereinstimmt.

Ich bin mit diesen Kategorien einverstanden. Vor allem, wenn ich in Betracht ziehe, dass Kombinationen aus den Haltungen möglich sind. Wilhelm erwähnt bereits, dass Haltung 5 mit den Haltungen 3 und 4 kombiniert werden kann, aber meiner Meinung nach passt sie auch zu Haltung 2. So kann es sein, dass Web-Bürger, die anonym an Imageboards wie 4chan oder krautchan teilnehmen, Bewohner von virtuellen Welten, oder Spieler von Multi-Player Online-Games niemals irgendwelche Informationen über ihre realen Identitäten auf Web-2.0-Plattformen wie LinkedIn, Xing oder Facebook preisgeben. Hier gibt es durchaus Berührungspunkte zum Umgang der alten Venezianer mit ihrem realen Leben. In ihrer kleinen, aber lebhaften und multikulturellen Stadt im Meer, im ständigen Umgang mit Handelsleuten und Piraten aus jedem Winkel der noch immer nicht vollständig erforschten Welt, entwickelten sie das Konzept eines anonymen Lebens neben der öffentlichen Existenz. Wenn sie die Bauta trugen, spielten sie eine Rolle, die allerdings vordefiniert und generisch war. Offenbar funktionierte das sehr gut. Jeder, der sich in der Bauta-Verkleidung zeigte, wurde als Mitbürger akzeptiert und mit “Signora Maschera” angeredet. Vielleicht ergibt dies eine sechste Haltung zum Thema Privatsphäre, über die man nachdenken muss. Übrigens heißt auf Krautchan jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin „Bernd“. Auch das ist spannend, wenn man an „Signora Maschera“ denkt.

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Fragen von Teilnehmern der EIC 2010

Während der European Identity Conference 2010 in München präsentierte ich ein paar erste Gedanken zu diesem Projekt. Der Vortrag brachte eine lebhafte Diskussion in Gang. Einige der Fragen der Teilnehmer werden mit Sicherheit für die weiteren Überlegungen zum Thema von Interesse sein:

  • Venedig war eine vergleichsweise kleine Stadt. Funktioniert ein Anonymitätskonzept wie das, welches sich mit der Bauta verbindet, vielleicht nur in einem (nahezu) geschlossenen System wie dem der venezianischen Gesellschaft?  Ist das Internet eher ein geschlossenes oder ein offenes System? Vielleicht hat das Bauta-Konzept ja mehr mit den Anonymitäts- und Pseudonymitätskonzepten von Plattformen wie den Imageboards im Web zu tun als mit dem Internet insgesamt.
  • War die Bauta wirklich ein gutes Mittel, um Anonymität herzustellen? Immerhin konnte der Träger damit schwerlich Größe, Gewicht und Stimme verstecken.
  • Wenn irgendetwas schief ging, konnte man einen Maskenträger leicht demaskieren. Ist diese Maßnahme bei einem Internet-Anwender nicht ungleich schwieriger durchzuführen?
  • Um ein Anonymisierungsmittel wie die Bauta zu entwickeln, müssen die Venezianer die Notwendigkeit dazu verspürt haben. Wenn man einmal annimmt, dass sich die meisten Internet-User im Web heute nach wie vor mehr oder weniger anonym fühlen, könnte dies nicht der Grund für das aktuell allgemein geringe Interesse an Internet-Anonymisierungsverfahren sein?
  • Die Bauta gab ihrem Träger die Identität eines echten venezianischen Bürgers, ohne allzu viele persönliche Details zu offenbaren. Könnte man den neuen deutschen digitalen Personalausweis und vergleichbare Identifizierungsmittel auf diese Weise benutzen?
  • Wenn notwendig, konnte ein Venezianer gezielt immer ein bisschen mehr von seiner Identität offenbaren, indem er Teile der Maske abnahm. Lässt sich auch das in die Internet-Umgebung übertragen?
  • Kann das reale Umfeld Venedigs wirklich mit einem virtuellen wie dem Internet verglichen werden?

Viele wertvolle Fragen – besten Dank dafür an die Teilnehmer der Konferenz!

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