Hedonistisch, unmoralisch und gefährlich?

Über Jahrhunderte wurde der venezianische Lebensstil als hedonistisch und unmoralisch gebrandmarkt. Für Fremde waren vor allem der Karneval und die Tatsache, dass so viele Venezianer Masken trugen, Grund genug für Verdächtigungen. Jemand, der eine Maske trägt, muss doch etwas zu verbergen haben, dachten sie, und was würde eine Person schon verbergen wollen wenn nicht etwas Verbrecherisches oder Unmoralisches?

Mario Belloni drückt es heute etwas freundlicher aus, aber die grundsätzliche Wertung der venezianischen Kultur ist immer noch dieselbe wie in der Vergangenheit: ‚Sie waren Kaufleute, Abenteurer, die jeden Tag den eigenen Besitz und oft auch das eigene Leben auf Schiffen aufs Spiel setzten, die Kurs auf den geheimnisvollen Orient nahmen. Piraten, Unwetter, Angriffe feindlicher Flotten, unbekannte Länder: Geheimnis und Abenteuer! Und dieser Menschenschlag kam nicht einmal in der Stadt, in Venedig, zur Ruhe. Das Abenteuer war untrennbar mit ihrer Lebensweise verbunden. Und aus diesem Grunde schuf man eine Stadt, die jede Art von Abenteuer bot, und das in jeder Hinsicht! Der Karneval und die Masken stehen überall für die Umkehrung der Regeln und bedeuten völlige Handlungsfreiheit. Durch sie verborgen ist alles machbar, jedes Abenteuer ist von neuem möglich, und das auch in der Stadt, inmitten der Institutionen, trotz der Gesetze und moralischen Gebote, wie streng sie auch immer sein mögen. Und so kommt es, daß der Karneval über die eigenen Grenzen tritt und die Maske Einzug hält ins tägliche Leben. In bestimmten Umgebungen wurden die Masken sogar gesetzlich vorgeschrieben! Das Glücksspiel (ein schönes Beispiel für das Abenteuer in der Stadt) war so etwas wie ein „Nationalsport“ in Venedig, aber im staatlichen Spielkasino (dem „Ridotto“) konnte man nur maskiert spielen.‘

Sicherlich ist an dieser Erklärung etwas Wahres. Wer die deutsche Stadt Köln während des Karnevals besucht, wird vermutlich bestätigen können, dass diese Art Fest auch dazu da ist, Dinge zu tun, die man sonst nicht wagen würde. Dennoch ist Bellonis Erklärung, warum die Venezianer Masken trugen, wahrscheinlich zumindest teilweise falsch. Nach der Lektüre der Bücher von Karbe und Toscani (siehe „Quellen“) gehe ich davon aus, dass speziell der Gebrauch der Bauta einen ernsthafteren und durchdachteren sozialen und politischen Hintergrund hatte. Die Venezianer hatten ein sehr gutes Verständnis davon, wozu Anonymität gut sein konnte. Und, was besonders wichtig ist, ein Bürger oder eine Bürgerin, der oder die in Venedig eine Maske trug, entkam nicht Recht und Gesetz. Natürlich konnte eine maskierte Person etwas unternehmen, wovon sie nicht wollte, dass es ihr von anderen zugerechnet wurde, aber ihr Verhalten musste sich dennoch im Rahmen bestimmter Erwartungen und geschriebener Gesetze bewegen. Mit Bauta und Volto maskierte Venezianer waren nicht auf antisoziales Verhalten aus.

Für Menschen älterer Generationen mag das Internet-Leben der „Digital Natives“ ähnlich verdächtig aussehen wie das Leben der alten Venezianer aus Sicht fremder vergangener Kulturen ihrer Zeit. Ironischerweise hat ja selbst das „Piratentum“ wieder eine neue Bedeutung als Kernthema. In beiden Fällen missverstehen Kritiker eine Kultur, die die Vorteile der Anonymität verteht und damit umzugehen weiß. Das ist eines der Themen, mit denen ich mich in Zukunft befassen möchte.

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