Jeder kann jeder sein

Jeden Morgen beim Brötchenholen stehe ich an der gleichen Ampel. Neulich pappte ein neuer Aufkleber dran.

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Irgendwie mal was anderes als die übliche flüchtige Katze, der nächste Anti-Nato-Protest oder „suche zwei Zimmer mit Bad“.

Länger hingeschaut habe ich wegen der Kombination aus „anybody can be anybody“ und „Psychologie“. Das erinnerte mich daran, dass eine Maskierung manchmal gehemmten Menschen helfen kann, aus sich herauszukommen oder ihre Meinung zu sagen. Anonymität und Rollenspiel schaffen eben nicht nur ein Paradies für Feiglinge, sondern auch eine Schutzzone für Schüchterne.

Also was steckt nun hinter dem Zettel?

Werbung für ein Buch und ein Therapieangebot, der Aufkleber propagiert die so genannte Würfeltherapie.

Sie geht davon aus, dass jeder Mensch das Potenzial hat, unterschiedliche Persönlichkeitstypen auszuleben. Handlungsentscheidungen konsequent Würfeln zu überlassen, soll deshalb Personen  helfen, die in engen Handlungsmustern gefangen sind und deshalb keinen Zugang zu den Möglichkeiten ihres Ichs haben.

Eine „Erfolgsgeschichte“ auf der Seite „Spiel mit dem Zufall“ berichtet denn auch von einem Kellner, der auf Jobsuche geht und vor jedem Lokal, auf das er trifft, die Würfel befragt, ob er hineingehen und nach einer freien Stelle fragen soll. Natürlich gerät er so an ein Restaurant, in das er sich ohne Zufallsentscheid nie hineingetraut hatte, und wird glücklich.

Irgendwie ein seltsames Konzept. Aber es zeigt immerhin, dass viele Menschen einem „Spiel“ mit ihrer Identität positive Seiten abgewinnen.

Maske und freie Meinungsäußerung: Rollenspiel für die Schüchternen

Interessante Beiträge in der Zeitschrift „Psychologie Heute„: Offenbar gelingt es introvertierten, eher schüchternen Menschen recht leicht, die Rolle einer extrovertierten, forschen Person zu spielen und entsprechend zu agieren, wenn man sie erst einmal auf die Idee gebracht hat und ein wenig bei diesem Vorhaben unterstützt. Das Rollenspiel bietet ihnen eine faszinierende Möglichkeit, die Grenzen der eigenen Persönlichkeit einfach zu sprengen. Der Beitrag berichtet von Personen, denen dies im Berufsleben fortwährend gut gelingt, während sie im Privatleben eher ihrem Naturell treu bleiben.

Extrovertierte, dominante Personen, die zum Beispiel zur Förderung der Leistung eines Teams auch einmal den vorsichtigen Zuhörer geben sollen oder wollen, bekommen das erstaunlicherweise weniger gut hin.

Wussten die Venezianer dies schon? Bauta und Tabarro boten auch Personen, die Streit und Auseinandersetzungen eher abgeneigt waren und dabei im „richtigen Leben“ regelmäßig zu verstummen oder zu unterliegen drohten, eine echte Chance, im politischen Meinungsbildungsprozess ihre Sache zu vertreten. Ob dieses Phänomen intentional eine Rolle für die Pflicht zum Tragen von Bauta und Tobarro in politischen Gremien gespielt hat, ist wohl nicht mehr herauszufinden. Es ist nur interessant, dass das venezianische Anonymitätsmodell den Nebeneffekt, die Schüchternen in den politischen Entscheidungsfindungsprozess besser zu integrieren, einfach hatte.

Die Beiträge:

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Maske und freie Meinungsäußerung: Oscar Wilde

Ein schönes Oscar-Wilde-Zitat: „Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er in eigener Person spricht. Gib ihm eine Maske, und er sagt die Wahrheit.“

Das müssen die Venezianer wohl auch im Sinn gehabt haben, als sie in politischen Gremien das Erscheinen in Bauta und Tabarro zur Pflicht machten und sich angewöhnten, dabei zusätzlich mit verstellter Stimme zu sprechen.

Die Maskierung bei der politischen  Aussprache wirkte also nicht nur auf die jeweiligen Zuhörer, die die Person des Sprechenden nicht recht einschätzen und deshalb nur seine Argumente abwägen konnten, sondern auch auf den Sprecher selbst, der geschützt durch die Verkleidung auf Bedingungen wie sein persönliches soziales Umfeld und die Zwänge seiner näheren Lebenumstände keine Rücksicht nehmen musste.

Heißt auch: Man kann tatsächlich nicht einfach sagen, Maskierung und anonymes Auftreten wirkten immer und automatisch deindividualisierend. Manch einer vertrat vielleicht nur hinter Bauta und Tabarro seine innersten Überzeugungen.

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Beitrag in der Wirtschaftszeitung „Brand eins“

Carolyn Braun hat in der Wirtschaftszeitung „Brand eins“ einen schönen kleinen Beitrag über mein Bauta-Projekt geschrieben: Die Maske der Ehrbaren. Wer nicht lesen will, kann den Text übrigens auch hören oder als MP3-Datei speichern (Auf der Seite den Eintrag „brand eins 07 / 2012 Schwerpunkt: Digitale Wirtschaft“ wählen, Klick mit rechter Maustaste auf Hören).

Leider hat sich am Anfang ein Fehler eingeschlichen: Dass sich alle Anonymous-Aktivisten in Deutschland „Bernd“ nennen, war so nicht gesagt, nicht gehört, nicht verstanden und auch nicht von der Autorin notiert – da hat vermutlich eine flotte Kürzungsaktion der Redaktion ihre Spuren hinterlassen. „Bernd“ nennen einander die Teilnehmer des deutschen Image-Boards „Krautchan“, „Anonymous“ die des englischsprachigen Boards „4Chan“. Die Infos dazu stehen am Ende dieses Artikels. Aber ansonsten mir gefällt der Beitrag wirklich gut, und das Gespräch mit der Autorin hat viel Spaß gemacht. Dass sie mit dem Begriff „Verhüllungsgebot“ operiert, der so schön mit dem deutschen „Vermummungsverbot“ kontrastiert, macht mir besondere Freude.

Während des Interviews ist mir übrigens plötzlich ein Aspekt der politischen Meinungsäußerung hinter einer Maske klargeworden, der den meist negativ beurteilten Aspekt der enthemmenden „Deindividuation“ (siehe auch hier) noch einmal in ein ganz anderes Licht rückt: Dieser Effekt hilft vielleicht schüchternen Menschen, die sich die Teilnahme an einer offenen politischen oder anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzung gar nicht zutrauen, vor allem wenn diese, wie es so bezeichnend heißt, potenziell „persönlich“ wird. Zu dieser im Grunde trivialen, aber für die Behandlung des Themas wichtigen Erkenntnis demnächst mehr in einem eigenen Artikel.

Deutschlandradio Kultur“ berichtete über das Brand-eins-Heft und nahm sich dabei – im letzten Viertel des Hörstücks – ebenfalls Zeit für die Masken. Das Rundfunkbeitrag steht ebenfalls zum Anhören oder zum Download (Verfahren siehe oben) zur Verfügung.

Alle Seitenabrufe erfolgten zuletzt am 11.08.2012.

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Wie geht es weiter?

Der “Bauta”-Blog ist nach dem Hack 2011 wieder hergestellt, und ein paar neue Artikel  sind geschrieben. Zeit, einen kleinen Plan für die nächsten Vorhaben aufzustellen. Folgene Fragen möchte ich zuerst angehen:

  • Wie passt das Bauta-Anonymitätskonzept zu bekannten sozialwissenschaftlichen und philosophischen Konzepten des „privaten“ und „öffentlichen“ Lebens?
  • Wie unterscheiden sich Anonymitätskonzepte für geschlossene Internet-Communities von denen, die das ganze Internet im Blick haben? Wozu würde die Bauta passen?
  • Ist die Idee einer „Internet-Netiquette“ etwas, das sich mit dem „Gentleman-Faktor“ des Bauta-Gebrauchs vergleichen lässt?

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Signora Maschera war ein Gentleman

Offenbar hielt sich der Missbrauch der venezianischen Gesellschaftsmaske immer in einem sozial erträglichen Rahmen, sonst hätten die Venezianer an ihr nicht festgehalten bis schließlich die Österreicher in Italien einmarschierten und die Politik und Kultur der Inselstadt grundlegend änderten. Ein kleines Rätsel ist es dabei schon, dass das Anonymisierungsmittel “Bauta” so gut funktionierte, denn eine Gelegenheit zum anonymen Handeln bedeutet immer auch eine Versuchung zu antisozialem, egoistischem Verhalten. M.E. Kabay etwa verweist in Anlehnung an die Deindividuationstheorie darauf, dass praktische Anonymität Unhöflichkeit, Unehrenhaftigkeit und aggressives Benehmen fördern kann und der Selbstreflexion entgegenwirkt (seinen Essay finden Sie unter den Quellen).

Ich habe schon erwähnt, dass einer der Gründe für die geringe, durchaus tolerierbare Missbrauchsrate der Bauta in der Tatsache begründet liegt, dass die Venezianer als Maskenträger den Regeln und Erwartungen der Gesellschaft eben nicht entgingen. Außerdem konnten, was allerdings eine extreme Maßnahme gewesen sein dürfte, im Fall der Fälle recht einfach demaskiert werden. Man sollte vielleicht aber noch etwas bedenken, wenn man sich fragt, warum die Venezianer auch als Maskenträger ihre guten Manieren behielten: Mit dem Anziehen der Bauta verließen sie ihre individuelle Existenzform und spielten stattdessen die Rolle eines idealtypischen Stadtadeligen.

Bauta - Carnevale Venezia 2011

Bild: Fotolia.com, Gloria Guglielmo
 

Die Rolle der „Signora Maschera“ war nicht nur, wie schon erwähnt, generischer Natur und vordefiniert, sondern verlangte auch, sich im Verhalten dem idealisierten Modell eines noblen Patriziers anzunähern. Hier gibt es sicherlich Parallelen zu alten Vorstellungen vom „perfekten Gentleman“ mit seinem perfekten Stil und ausgefeilten Manieren. Bei Karbe und Toscani (siehe Quellen) finden sich Hinweise darauf, dass sich venezianische Bauta-Träger bewusst höflich und ritterlich gaben und dass sie Wert darauf legten, sich in der Maske elegant zu bewegen und auch in ihrer Kommunikation mit den Mitbürgern so elegant wie möglich zu wirken.

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Hedonistisch, unmoralisch und gefährlich?

Über Jahrhunderte wurde der venezianische Lebensstil als hedonistisch und unmoralisch gebrandmarkt. Für Fremde waren vor allem der Karneval und die Tatsache, dass so viele Venezianer Masken trugen, Grund genug für Verdächtigungen. Jemand, der eine Maske trägt, muss doch etwas zu verbergen haben, dachten sie, und was würde eine Person schon verbergen wollen wenn nicht etwas Verbrecherisches oder Unmoralisches?

Mario Belloni drückt es heute etwas freundlicher aus, aber die grundsätzliche Wertung der venezianischen Kultur ist immer noch dieselbe wie in der Vergangenheit: ‚Sie waren Kaufleute, Abenteurer, die jeden Tag den eigenen Besitz und oft auch das eigene Leben auf Schiffen aufs Spiel setzten, die Kurs auf den geheimnisvollen Orient nahmen. Piraten, Unwetter, Angriffe feindlicher Flotten, unbekannte Länder: Geheimnis und Abenteuer! Und dieser Menschenschlag kam nicht einmal in der Stadt, in Venedig, zur Ruhe. Das Abenteuer war untrennbar mit ihrer Lebensweise verbunden. Und aus diesem Grunde schuf man eine Stadt, die jede Art von Abenteuer bot, und das in jeder Hinsicht! Der Karneval und die Masken stehen überall für die Umkehrung der Regeln und bedeuten völlige Handlungsfreiheit. Durch sie verborgen ist alles machbar, jedes Abenteuer ist von neuem möglich, und das auch in der Stadt, inmitten der Institutionen, trotz der Gesetze und moralischen Gebote, wie streng sie auch immer sein mögen. Und so kommt es, daß der Karneval über die eigenen Grenzen tritt und die Maske Einzug hält ins tägliche Leben. In bestimmten Umgebungen wurden die Masken sogar gesetzlich vorgeschrieben! Das Glücksspiel (ein schönes Beispiel für das Abenteuer in der Stadt) war so etwas wie ein „Nationalsport“ in Venedig, aber im staatlichen Spielkasino (dem „Ridotto“) konnte man nur maskiert spielen.‘

Sicherlich ist an dieser Erklärung etwas Wahres. Wer die deutsche Stadt Köln während des Karnevals besucht, wird vermutlich bestätigen können, dass diese Art Fest auch dazu da ist, Dinge zu tun, die man sonst nicht wagen würde. Dennoch ist Bellonis Erklärung, warum die Venezianer Masken trugen, wahrscheinlich zumindest teilweise falsch. Nach der Lektüre der Bücher von Karbe und Toscani (siehe „Quellen“) gehe ich davon aus, dass speziell der Gebrauch der Bauta einen ernsthafteren und durchdachteren sozialen und politischen Hintergrund hatte. Die Venezianer hatten ein sehr gutes Verständnis davon, wozu Anonymität gut sein konnte. Und, was besonders wichtig ist, ein Bürger oder eine Bürgerin, der oder die in Venedig eine Maske trug, entkam nicht Recht und Gesetz. Natürlich konnte eine maskierte Person etwas unternehmen, wovon sie nicht wollte, dass es ihr von anderen zugerechnet wurde, aber ihr Verhalten musste sich dennoch im Rahmen bestimmter Erwartungen und geschriebener Gesetze bewegen. Mit Bauta und Volto maskierte Venezianer waren nicht auf antisoziales Verhalten aus.

Für Menschen älterer Generationen mag das Internet-Leben der „Digital Natives“ ähnlich verdächtig aussehen wie das Leben der alten Venezianer aus Sicht fremder vergangener Kulturen ihrer Zeit. Ironischerweise hat ja selbst das „Piratentum“ wieder eine neue Bedeutung als Kernthema. In beiden Fällen missverstehen Kritiker eine Kultur, die die Vorteile der Anonymität verteht und damit umzugehen weiß. Das ist eines der Themen, mit denen ich mich in Zukunft befassen möchte.

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